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Spielzeiteröffnung in Jena : Es wird der letzte Abend sein

  • -Aktualisiert am

Rückzugsort für einsame Seelen: Blick in die grandios rekonstruierten Ttrinkhalle der Jenaer Stammkneipe „Wartburg“ Bild: Joachim Dette

Die Kneipe als Rückzugsort: Das niederländische Theaterkollektiv „Wunderbaum“ eröffnet die Spielzeit in Jena mit einem tragikomischen Erinnerungsabend.

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          Die Eckkneipe ist ein Treffpunkt für verlorene Seelen. Hier heilen gebrochene Herzen, hier entstehen Ideen des Aufbruchs. Hier, zwischen Stammtisch und Tresen, kommen einsame Menschen in geselligen Nächten zusammen und deuten die Welt und ihren Wandel. Bis in die Morgenstunden - wenn nicht gerade wieder eine Sperrstunde eingeführt wird. Auch in Jena, der Universitätsstadt an der Saale, gab es mit der Eckkneipe „Zur Wartburg“ lange Zeit ein Etablissement, das über die Stadtgrenzen hinaus als traditionsreiche Schankwirtschaft mit DDR-Interieur bekannt war. Bis zum letzten Jahr konnten sich Nachtschwärmer in diese „Zeitkapsel“ flüchten. Das Bier war günstig, die Einrichtung alt. Seit 1963 hatte sich hier im Grunde nichts verändert: Landschaftsmalereien vom Wartburgsteig mit röhrenden Hirschen schmückten die Innenwände. Durch den Trinksaal waberte ein Hauch Ostalgie. Und das in einer Stadt wie Jena, die sich nach der Wiedervereinigung wie kaum eine andere neu erfand und heute mit ihren technologischen Zentren und ihrer jungen universitären Stadtbevölkerung als Paradebeispiel der gelungenen Wiedervereinigung gilt. Als letztes Jahr die „Wartburg“ dicht machen musste, sprach die ganze Stadt davon.

          Am Theaterhaus Jena erzählt das niederländische Kollektiv „Wunderbaum“, das die Spielstätte seit 2018 leitet, die Geschichte der „Wartburg“-Kneipe jetzt theatral nach. Dabei wird sie zum Handlungsort einer schicksalhaften Tragikomödie, die nicht nur die Abgründe der Gentrifizierung, sondern auch die nach wie vor konfliktreiche Mentalitätsbeziehung zwischen Ost und West berührt. „Wunderbaum“ hat dafür vielfältige Nachforschungen angestellt und Zeitzeugen befragt. Zur Spielzeiteröffnung präsentieren die Theatermacher um Walter Bart aus Rotterdam nun ihrem Publikum nicht nur die originale Einrichtung, sondern stellen auch jene Urgesteine der Kneipe vor, von denen man ihnen erzählt hat. Der Theaterabend beginnt mit der Vorstellung des Brigadebuches des Gaststättenkollektivs, in dem minutiös die Bierverkäufe pro Stuhl und Jahr erfasst sind. Exakt 6549 Gläser waren es im Rekordjahr 1982. Für das anschließende Schauspiel bedient sich die „Acteursgroep“ der Montagetechnik. Sechs Figuren werden hintereinander vorgestellt. Jede steht für einen Kneipengänger-Typus, der in fast allen Schankwirtschaften des Landes zu finden ist. Rolf, der Wirt, ist ein großzügiger Gastgeber und empathischer Zuhörer. Gespielt wird der Patriarch sehr authentisch von Elisa Ueberschär. Wie ein Herrscher sein Land überblickt Rolf seine Kneipe vom Holztresen aus, der mit seiner Massivität wie die Steuerungseinheit eines großen Schiffes wirkt.

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