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Spielzeit 06/07 : Die Verirrten

  • -Aktualisiert am

Die neuen Dramen der kommenden Theaterspielzeit handeln von Haltlosen, die einander zu- oder aneinander vorbeifallen: kleinste Widergänger des großen Wallenstein, der auch wieder in Mode kommt. Eine Übersicht.

          6 Min.

          Vielleicht wird er ja der Hauptheld der kommenden Schauspielsaison: jener knapp fünfzigjährige große Einsame, der eine ganze Welt in der Hand hat, aber plötzlich wie in einen verspiegelten Abgrund hineinguckt, aus dem ihm ein Marionettenmannsbild entgegengrinst, das zwar seine Züge trägt, aber exakt von der Welt bewegt und beherrscht wird, die es zu bewegen und zu beherrschen glaubte. Eine Welt, in der Gedanken noch nicht Taten und Taten nur Gedanken zu sein brauchen. In der das Ausgedachte, Geträumte schon Glücks genug wäre, nun aber zurückschlägt und also gnadenlos Realität wird: „Es hat mich überrascht - Es kam zu schnell -/Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der Zufall/Blind waltend, finster herrschend mit sich führe.“ Und: „Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?/Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?“ Er kann nicht mehr. Und das vernichtet ihn.

          Die Tragödie Wallensteins, jahrzehntelang so gut wie von unseren Bühnen verschwunden, drängt sich wieder stark auf. Peter Stein, der allerdings noch keinen Hauptdarsteller gefunden hat, will Schillers größten Brocken in einer Berliner ehemaligen Brauereihalle stemmen (am 12.Mai 2007); Andrea Breth, die den Premierentermin vom 26.Oktober schon mal ins nächste Jahr hinein hat verschieben lassen, dafür aber bereits einen Wallenstein (Gert Voss) hat, möchte „eines der aufregendsten, philosophisch wie politisch gescheitesten Theaterstücke der Weltliteratur“ (Breth) in Wien herausbringen; und Wolfgang Engel, der Leipziger Schauspielchef, will am 3.März an drei Spielorten und mit mehr als hundert Jugendlichen, die „Wallensteins Lager“ bilden, „ein Netz der Kommunikation quer durch die Stadt“ spannen.

          Wallenstein-Klone haben Saison

          Vielleicht ist Schillers Held aus dem Jahr 1800, der gar kein alter, schwerer Held, sondern nur ein spielerisch moderner, im besten Wortsinn leichtsinniger Mensch sein möchte, der vom Zufall verweht und zernichtet wird, schon die modernste Erscheinung der Spielzeit. Wenigstens als Figur. Wobei Peter Steins Schwierigkeiten, einen Wallenstein zu finden, eigentlich unverständlich sind - angesichts der vielen heiter-trübsinnig bis inbrünstig-verzweifelt abfotografierten Schauspielergestalten (ob en face, ob halb- oder ganzkörperlich), die von Karlsruhe bis Wien, von Leipzig bis Düsseldorf, von Osnabrück bis Mannheim, von Stuttgart bis Zürich über die Saisonprospekte gestreut sind (und im Falle Ulms sogar Ringelreihen tanzen!), als habe sie alle ein und dieselbe Werbehochglanzagentur pudermimenzuckermäßig unter Vertrag.

          Unter dieser geballten Modernitäts- und Spielermenge, die im Prospekthaus der Münchner Kammerspiele sogar Schutzanzüge mit der Aufschrift „Fürchtet euch nicht!“ trägt (Grundvoraussetzung für jede Stein-Inszenierung), müßte doch noch ein Feldherr aufzutreiben sein.

          Andererseits sind Steins Schwierigkeiten allzuverständlich. Denn diese Menge wird die Saison über vollauf damit beschäftigt sein, ungefähre Wallenstein-Klone, also zeitgeistgemäße Splitterwesen, zufallsgebeutelte Verirrte, zwischen Denken und Tun, Tat und Albtraum sich selbst abhanden Gekommene und wie durch alle Ritzen Gefallene darzustellen. Zum Beispiel die beziehungs- und identitätsmusterlosen „Engel“ der jungen Dramatikerin Anja Hilling (Uraufführung an den Münchner Kammerspielen), wo plötzlich Tote vor der Tür stehen und Ermordete weiterleben, „die Liebe entschwindet, aber der Schmerz im Körper bleibt“.

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