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Theaterserie: Jean Anouilh : So schlagt mich doch!

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Er wollte Tradition und Neubesinnung: Der Dramatiker Jean Anouilh auf einem undatierten Foto Bild: © epd-bild / Keystone

Jean Anouihls rabenschwarze Komödie „Der arme Bitos oder das Diner der Köpfe“ ist eine Parabel über die Schattenseiten der Moral.

          3 Min.

          Wenn man hierzulande an Französische Revolution und Theater denkt, wird einem sofort „Dantons Tod“ von Georg Büchner einfallen. Das ist gut so, aber es gibt zumindest noch ein thematisch nicht ganz fernes, dabei sehr witziges Stück, nämlich „Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe“ („Le pauvre Bitos ou le dîner de têtes“) von Jean Anouilh. Als es 1956 in Paris uraufgeführt wurde, löste es einen Skandal aus, ging Anouilh darin doch völlig respektlos mit den französischen Identitäts-Eckpfeilern um: Die Revolution! Die Nation! Die Résistance!

          Fünf Jahre lang durfte der Dreiakter auf Anouilhs Anordnung hin nicht im Ausland gespielt werden, als wäre es eine innerfamiliäre französische Debatte. Natürlich ist es viel mehr als das. Geschichte, Mythos und Konvention werden in „Der arme Bitos“ auf so intelligente wie humorvolle Weise befragt – und klug-elegant in die Gegenwart transponiert. Das Theater wirkt hier unmittelbar in die Gesellschaft hinein und findet unter anderem durch diesen Bezug zu seiner Bedeutung: als Kunst mit Köpfchen.

          Ein guter Stückefabrikant

          Jean Anouilh, geboren 1910 in Bordeaux und gestorben 1987 in Lausanne, gab sich nie als harter Tragödienhund. Sein Vorbild war Molière, im Lachen sah er wie jener größere subversive Sprengkraft als in der geballten Faust. „Ich bin ein guter Stückefabrikant“, sagte er ironisch über sich, „und schäme mich gar nicht, ein Handwerker zu sein.“ Jährlich schrieb er diszipliniert ein Stück und war zwischen 1940 und 1960 der Marktführer auf den in- wie ausländischen Bühnen. Seine „Antigone“ wurde Schulstoff – eine Ehre, die ihm auf Dauer vermutlich eher geschadet hat.

          Überkandidelter Sittenwächter

          „Der arme Bitos“ ist eine Parabel über die Schattenseiten der Moral und den Terror der Tugend. Sie reicht weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus, dessen ideologische Kollateralschäden auch in Frankreich noch lange spürbar waren. Eine Gruppe von Freunden irgendwo in der Provinz, die gemeinsam in der Schule wie in der Résistance waren, fasst einen Beschluss: Sie wollen dem unangenehmen Stinkstiefel Bitos („dieser kleine, duckmäuserische Stipendiat“), mit dem sie da wie dort konfrontiert waren, ein für alle Mal eins auswischen. André Bitos ist ein gnadenloser Staatsanwalt geworden und stört unbeirrt ihr lukratives Netzwerk aus Korruption, Nonchalance und Vetternwirtschaft. Durch seine aufrechte Gesinnung wird er jedoch nicht sympathischer. Bitos erscheint wie ein überkandidelter Sittenwächter, der stets mit aller Härte nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgeht und nie den Zusammenhang betrachtet, aus dem manche Missetat entstand. Dass er sich aus der Unterschicht hochgearbeitet hat, vergessen seine Oberschicht-Mitschüler nie. Bestrafen wollen sie ihn indes nicht deswegen, sondern wegen seiner inhumanen Prinzipientreue.

          Mit Fug und Recht an Molières Seite: Jean Anouilh im Januar 1960 in Mailand

          Also veranstalten sie ein Abendessen in einem historischen Gewölbekeller, in dem 1792 der örtliche Jakobinerclub Versammlungen abgehalten hat und in dem 1793 das Revolutionstribunal untergebracht war. Nun sollen sich alle Teilnehmer für ein „Diner der Köpfe“ Masken von Protagonisten aus der Zeit der Französischen Revolution aufsetzen – und es versteht sich von selbst, dass für Bitos diejenige des Robespierre reserviert ist, des demagogischen Tugendideologen mit Blut an den Händen. Da sich laut Karl Marx die Geschichte höchstens als Farce wiederholt, wird dieses Diner zu einer ebensolchen. Alte Rechnungen werden aufgemacht und nach all den Jahren natürlich nicht beglichen. Bitos braucht eine Weile, bis er kapiert, in welch übles Spiel er geraten ist. „So schlagt mich doch, nachdem ihr schon dazu entschlossen seid! Ihr seid sechs und ich bin allein, worauf wartet ihr noch?“ Die späte Revanche aber schmeckt schal, niemand haut zu, und eine der anwesenden Frauen rettet Bitos aus seiner Zwickmühle. Der freilich wird ihr das nicht danken, im Gegenteil: Falls sich ihm irgendwann die Gelegenheit zur Rache für diesen demütigenden Abend ergeben würde, begänne er, wie er offen sagt, bei ihr.

          Anouilhs Figuren sind beileibe keine Schablonen oder Papiertiger, sondern Archetypen des Schreckens, verdichtet und verstärkt wie auf einem Gemälde von George Grosz. Sie rascheln nicht, sie glühen rabenschwarz. Als Lucile einmal Bitos alias Robespierre fragt, wie lange man die Revolution und das Köpferollen fortsetzen müsse, antwortet er: „Ewig.“ Und sie: „Ohne Rücksicht auf die Menschen?“ Robespierre: „Ohne Rücksicht auf die Menschen.“ Der Dramatiker Jean Anouilh dachte groß. Er wollte Tradition und Neubesinnung, Reflexion und Emotion, Theater und Politik zusammendenken. Konsequent vertraute er dabei der Bühne mehr als der Realität, konnte er doch auf Ersterer eigenständig die Strippen ziehen. „Vernichtender hat auch Beckett nicht argumentiert, milder hat Genet nicht gehasst, ironischer Ionesco nicht bloßgestellt“, befand einst Joachim Kaiser. So darf sich Jean Anouilh mit Fug und Recht an Molières Seite stellen, hoffnungslos amüsiert und amüsant deprimierend – und aktuell wie jener, auch ohne modische Gelbweste.

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