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Theaterserie „Der Stärkere“ : Gehören deine Gedanken ganz mir?

  • -Aktualisiert am

Jane Wyman und Rock Hudson in „Die wunderbare Macht“ (1954) Bild: Picture-Alliance

Das Verhältnis zwischen Frau und Mann, Eifersucht und Leidenschaft: Dagny Jules’ „Der Stärkere“ wendet sich radikal gegen bürgerliche Konventionen und moralische Zugeständnisse – und ist nun auch auf Deutsch zu lesen.

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          Wahrscheinlich hat der eine und die andere sie schon einmal im Museum betrachtet: Die schöne Dagny Juel war mit ihrem Landsmann Edvard Munch befreundet oder besser gesagt: er war – wie viele – in sie verliebt, aber sie nicht in ihn. Auf seinem berühmten Bild „Eifersucht“ steht sie im Mittelpunkt, im Vordergrund der Maler selbst, im Hintergrund ihr Ehemann.

          Dagny Juel wurde am 8. Juni 1867 in der südostnorwegischen Stadt Kongsvinger geboren, ihre Familie gehörte dort zum alten dänischen Adel. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Konzertpianistin, trat aber nie öffentlich auf, saß stattdessen später dabei, wenn ihr Ehemann sich egomanisch am Klavier zur Schau stellte. Sie entschied sich früh für ein unabhängiges Leben und wurde zum Mittelpunkt einer Berliner und später Krakauer Bohème.

          Dass sie nicht nur schön, sondern auch Schriftstellerin war, wurde lange vergessen. Ihr Werk liegt erst seit 1996 in Norwegen vor, in diesem Jahr ist (herausgegeben, übersetzt und kenntnisreich kommentiert von Lars Brandt) eine deutsche Ausgabe im Bonner Weidle Verlag herausgekommen.

          Niemand erinnert an ihre Gedichte

          Sie war attraktiv, klug und begabt, eine mutige und außergewöhnliche junge Frau, die mit Anfang zwanzig nach Berlin aufbricht. Und hier zum Zentrum des nordischen Künstlerkreises wird. Man trifft sich im „Schwarzen Ferkel“, auch August Strindberg verbringt hier seine Abende und schmachtet sie an. Später wird der Nicht-Erhörte bösartige Gerüchte über sie in Umlauf bringen.

          Ein anderer Bewunderer, der Schriftsteller Julius Meier-Graefe, schreibt: Sie nicht gesehen zu haben „ist der Verlust einer durch nichts zu ersetzenden Erfahrung“. Aber alle, die von ihr schwärmen, die sie erwähnen, berichten allein von ihrer Schönheit und Ausstrahlung, niemand erinnert an ihre Gedichte, Geschichten – und an ihre Bühnenstücke.

          Es geht in ihrem schmalen Werk stets um die Liebe, um das Verhältnis zwischen Frau und Mann, um Eifersucht und Leidenschaft. Kein frauenbewegter, kein emanzipatorischer Blick auf die existentiellen Fragen ist hier zu finden, sondern einer, der sich radikal gegen bürgerliche Konventionen und moralische Zugeständnisse richtet. In dem Zweiakter „Der Stärkere“ ist es ein alter Geliebter, der – wie in Ibsens „Frau vom Meer“ – die Protagonistin zurückholen will. Der Schatten dieses Anderen lag von Beginn an über ihrer Ehe.

          „Ein Gartenzimmer. Im Hintergrund offene Türen zum Garten hinaus. Es ist Sommer. Gegen Abend“: Ein Paar-Dialog entspinnt sich, wie es ihn offenbar schon häufig gab. Der Mann fragt sie aus, fordert Liebesbeweise und dreht ihr die Worte im Mund herum. Man meint in einer Ingmar-Bergman-Szene zu sein. Er misstraut ihrer Liebe, sie kann seine Eifersuchtsanfälle nicht mehr ertragen. Wie war es früher, warum gab es einen Anderen vor ihm, wie sehr hat sie ihn geliebt, wann hat sie ihn das letzte Mal gesehen – „gehören deine Gedanken mir“?

          Der Mann redet herbei, was sie dann vollzieht

          Und dann kommt dieser Andere, der in ihrer Erinnerung nur noch lebendig war, weil der Ehemann unablässig nach ihm fragte. Sie fürchtet sich, will ihm nicht folgen, aber ihr Mann lässt sie allein, er muss arbeiten, erkennt nicht, dass er ihr jetzt beistehen müsste. Es geht um Liebe und Hass, um Leidenschaft und Kampf. Der Mann redet herbei, was sie dann vollzieht.

          Sie will gar nicht fort, all die Jahre hat sie nur ihn geliebt, aber weil er das nicht glaubt, verlässt sie ihn. Nein, das ist keine Geschichte, in der wir eine frühe Feministin erkennen können. Jedenfalls, wenn wir nach den bekannten Mustern suchen und lesen. Stattdessen finden wir dafür eine entschiedene Autorin, die allein dem Gefühl vertraut, dabei jedoch niemals auf weibliche Unschuld setzt. Die Protagonistinnen in Juels Stücken sind selbstbewusste und unbeirrbare Liebende, die den Zweifel an der Integrität ihrer Gefühle bestrafen.

          Wenn der Ehemann ihr nicht glaubt, wie sehr sie ihn liebt, muss sie ihn verlassen, wenn er so kleinmütig ist, ihr den Schritt vom Wege nicht zu verzeihen, bestraft sie ihn mit ihrem Tod. Solche Heldinnen wären heute eine besondere Bühnenherausforderung, sie sind niemals Opfer, stets Handelnde. Lars Brandt schreibt: „Ihre Dichtung handelt im Kern durchweg von erotischen Dreiecksverhältnissen und davon, welche Gewichte sie den Beteiligten auflasten. Werk wie Leben Dagny Juels drehten sich um die nicht zu bändigende Macht der Liebe, die sich nicht darum schert, was sie an Glück oder Unglück produziert, wenn sie sich über alles andere hinwegsetzt.“

          Das Werk und auch das Leben dieser Schriftstellerin ist von Unabdingbarkeit geprägt. Geheiratet hat die von vielen Umschwärmte zielsicher den falschen Mann: den polnischen Autor Stanislaw Przybyszewski, ein egomanisches und rücksichtsloses Pseudo-Genie. Bei ihm meinte sie, die große, zwingende Leidenschaft zu finden. Um sexuelle Treue ging es beiden nicht, aber das Paar bekam bald zwei Kinder und hatte wenig Geld, er trank zu viel, behandelte sie schlecht, sie suchte immer wieder Unterschlupf bei ihrer Familie in Norwegen. Im Juni 1901, drei Tage vor ihrem vierunddreißigsten Geburtstag wurde Dagny Juel in Tiflis von einem Anhänger ihres Mannes erschossen. Der Mörder meinte im Auftrag des überzeugten Satanisten Przybyszewski zu handeln. Der schrieb später zynisch von seiner Freude, die inzwischen ungeliebte Ehefrau losgeworden zu sein.

          Die Verfasserin ist Prosa- und Rundfunkautorin. Zuletzt erschien ihr Roman „Beziehungsweise“ im Dörlemann Verlag.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie

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