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Theaterserie: Suchovo-Kobylins : Ich bringe Euch Fortschritt und Zuwachsraten

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Szene aus der Farce „Tarelkins Tod“ von Alexander Suchovo-Kobylin, aufgeführt im Meyerhold-Theater 1922 Bild: akg-images / Archive Photos

Sie brauchen einen Berater oder gleich einen Vampir: Aleksander Suchovo-Kobylins wilde Zarenfarce „Tarkelkins Tod“ aus dem Jahr 1857 wirkt wie eine aktuelle Persiflage auf Putins Russland und wird doch kaum gespielt.

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          Aleksandr Suchovo-Kobylin ist 1817 als Sohn einer aristokratischen Familie in Moskau geboren und 1903 im französischen Mer-sur-Beaulieu gestorben. Er hat sich oft in Frankreich aufgehalten, dort spielt auch sein erstes dramatisches Abenteuer. Er wurde 1850 wegen des Verdachtes des Mordes an seiner Geliebten Louise Simon-Demanche verhaftet und erst 1857 freigesprochen. Dieser sensationelle Fall war einer der berühmtesten Skandale der zaristischen Gesellschaft. Erst sein Prozess machte ihn zum Dramatiker. Er schrieb eine Trilogie mit Stücken, deren Schärfe gegen die russische Justiz und Bürokratie ohne Vergleich war und ist.Sein Stück „Tarkelkins Tod“ ist der dritte Teil dieser Trilogie. Von den andern beiden ist es das wildeste. Außerdem ist es unabhängig aufführbar. Der Dramatiker hielt es für den gelungensten Teil seiner Werke, weil er sich dabei am weitesten von den traditionellen dramaturgischen Mustern entfernte. Sein Vorbild war Gogols „Revisor“.

          „Tarelkins Tod“ ist eine Farce, die sich an das französische Boulevard-Theater eines Eugène Scribe und an die erfolgreiche pièce bien faite, an das Panoptikum auf dem Jahrmarkt, an das Marionettentheater, an den Grand Guignol und an den Trivialroman anlehnt, von dem auch das Motiv des Vampirs stammt. Die Ähnlichkeit mit Alfred Jarrys „Ubu Roi“, mit Kafka und Ionesco liegt auf der Hand.„Das Stück ist eine Satire, die den Zuschauer nicht zum Lachen, sondern zum Zittern bringen soll“, wie der Autor selbst sagt. Suchovo bedient sich hier einer „Technik der grotesken Übertreibung, die dem Geist des russischem Realismus zutiefst fremd war“ - so Mirski in seiner „Geschichte der russischen Literatur“.

          Geschrieben nach 1857, erschien das Stück 1869, wurde aber dreißig Jahre lang von der Zensur verboten. Es erlebte seine Uraufführung erst 1917 in einer Inszenierung von Meyerhold und gehörte in der Sowjetunion zum Repertoire des Theaters, solange die Parteilinie das nicht verhindern konnte. Deutsche Übersetzungen gibt es von Sigismund von Radecki, Ingeborg Gampert, Regine Kühn und Heiner Müller. Auch ich habe mich einst an einer Version probiert, denn ich war oft in Russland, kannte Astolphe de Custines prophetisches Buch „Russische Schatten“ von 1839 und wusste von den Kontinuitäten und Konstanten dieses Reiches. Zumindest seit der Präsidentschaft Putins herrschen Bürokratie und korrupte Justiz wie zu Suchovos Zeiten. Deshalb wäre „Tarelkins Tod oder Der Vampir von St. Petersburg“ - wie der Stücktitel im Ganzen heißt - von höchster Aktualität, wenn die Dramaturgie lesen könnte, das Publikum sich amüsieren, gruseln und erschrecken wollte, und wenn es Regisseure gäbe, die das Drama nicht verabscheuten.

          Bei einer Inszenierung müsste gezeigt werden, dass im Stück keine Idioten und keine Verbrecher vorkommen, sondern ganz normale Bürger, die sich in Russland durchschlagen müssen, so gut es geht. Ihre Defekte und ihre Gemeinheiten haben keine individuellen, sondern gesellschaftliche Gründe. Das gilt vor allem für Tarelkin, den Titelhelden. Warum er ein Vampir ist, erklärt er den Zuschauern selbst in der letzten Szene: „Meine Herrschaften, ich bin ein glänzender Geschäftsmann. Wenn Sie sich davon überzeugen wollen, hier sind meine Zeugnisse. Meine Erfahrungen sind außerordentlich vielseitig. Ich bin durch dick und dünn gegangen. Ich hole aus Ihrem Gut das Letzte heraus. Vielleicht haben Sie mit der Landwirtschaft nichts im Sinn? Aber ich bitte Sie, das macht doch nichts. Ich bin auch in Finanzierungen versiert. Für einen Mann wie mich hat der Geldmarkt keine Geheimnisse. Mit einem Wort: ich bringe Ihnen Fortschritt, Produktivität, Zuwachsraten, dass Ihnen der Verstand stehenbleibt. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Stoßen Sie diese Hand nicht zurück! Bitterer Tonfall. Ich sehe schon, Sie denken, es ginge auch ohne mich. Aber sind Sie sicher? Früher oder später wird es Ihnen Leid tun. Alleine schaffen Sie das doch gar nicht. Sie brauchen einen Berater. Sie brauchen einen Fachmann. Sie brauchen einen Vampir.“

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