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Theaterserie: Middleton&Rowley : Das Irrenhaus als Schule der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Thomas Middleton, porträtiert ca. um 1657 Bild: Tom Reedy/Wikimedia Commons

Gruß an die Narzissten unserer Tage: Die bissige Tragikomödie „Der Wechselbalg“ von Thomas Middleton und William Rowley wartet auf ihre Wiederentdeckung.

          3 Min.

          Ein merkwürdiger Wechselbalg: Zwei erfahrene und durchgesetzte Dramatiker, Thomas Middleton und William Rowley, schreiben 1622 mit „The Changeling“ gemeinsam ein Stück und beginnen damit eine längere Ko-Autorenschaft. In diesem Teamwork war Rowley für die Nebenhandlung, die in einem Irrenhaus spielt, für Exposition und Schluss zuständig, während Middleton den dramatischen Rest besorgte. Dennoch ist die ganze Tragödie mehr als ein Patchwork.

          „Das Stück ist lang und ermüdend, die Figuren reden zu viel“, schrieb T. S. Eliot, um dann fortzufahren: „doch dann, plötzlich, hören sie auf zu reden und handeln“ – handeln? Sie beißen zu! Und seltsamerweise tritt ein hoher Grad an Realismus und psychologischer Plausibilität innerhalb dieses wahnwitzigen Plots hervor: nämlich die Irrationalität menschlichen Verhaltens, das Aufbrechen geheimer Wünsche und die mögliche Befriedigung narzisstischer Triebe innerhalb des gesellschaftlichen Korsetts, das sich spürbar lockert.

          Umkehrung von „Beauty and Beast“

          Worum geht es? Eigentlich um eine scharfe Umkehrung von „The Beauty and the Beast“: Hier mutiert die Schöne, Beatrice, allmählich zum Biest. Sie ist eine starke Frau, die im Mittelpunkt der Haupthandlung steht, und wechselt im Laufe des Stücks zweimal den Liebhaber. Sie soll zu Beginn standesgemäß heiraten. Ihr Bräutigam ist ihr gleichgültig, sie lehnt sich gegen die Wahl des Vaters auf, stiftet De Flores, den Mann, der sie schon lange ernsthaft stalkt und den sie verachtet, zum Mord an ihrem Verlobten an, um den zweiten Liebhaber Anselmero, den sie glaubt, ernsthaft zu lieben, heiraten zu können. Doch De Flores’ Preis für den Mord ist hoch: Er verlangt, dass Beatrice nebenher seine Geliebte wird. Durch das gemeinsame Verbrechen entsteht zwischen den beiden eine ausweglose Schicksalsgemeinschaft. De Flores wird zu einer permanenten Erinnerung an „Tiefenschichten in Beatrice, vor denen sie selbst erschrickt“, so Dieter Sturm im Programmheft zur Inszenierung Peter Steins 1970.

          Ihre Affekte bewegen sich auf eine Dunkelheit und Sinnlichkeit zu, derer sie nicht mehr Herr wird. Ihre Abneigung gegen De Flores kehrt sich in eine triebhafte Anziehung. Sie verfällt allmählich dem Menschen, den sie sich zum Werkzeug gemacht hat, der ihr bedingungslos dient. Er wird für sie immer schöner und attraktiver, während sie gleichzeitig härter und brutaler wird. Das Duo infernal teilt ein Arrangement, das jeweils die geheimsten Wünsche erfüllt: De Flores ist für Beatrice die perfekte Antwort auf ihr Heiratsproblem, und durch den Mordauftrag kann De Flores, der vorbereitet war, Beatrice mit anderen teilen zu müssen, jetzt der Mann werden, der sie allein besitzt und am Ende von Akt III defloriert (sprechender Name).

          Die Zielstrebigkeit der Handlung ist intensiv und teilweise auch grotesk, die Szenen sind rhythmisch hart gegeneinander geschnitten, ihre Körperlichkeit und Direktheit und nicht zuletzt eine Portion Naivität lassen an Quentin Tarrantino, an Horrorfilme und Zombies denken. Immer wieder kippen die Szenen um in Ironie: beispielsweise erscheint Tomazo, der Bruder des ersten Bräutigams, als absurde Verkörperung des „klassischen Rächers“ und erinnert an „The Hateful Eight“ oder den schwarzen Ritter in Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“. Auch die satirische Überspitzung der männlichen Forderung des 17. Jahrhunderts nach der unversehrten Jungfrau strotzt nur so vor Derbheit und sexuellen Anspielungen. Im Stück herrscht eine gesellschaftliche Kälte, weil die Personen nie in einer Reflexion zusammenkommen, weil alle moralischen Werte dem eigenen Narzissmus untergeordnet werden. De Flores vollzieht seine Tat mit äußerster Radikalität. Er kennt keine Reue. Am Schluss entzieht er sich mit Beatrice der Strafe und nimmt den Moralisten den Triumph der zelebrierten Sühne.

          Gruß an die Narzissten unserer Tage

          Die Orte der Handlung verweisen auf Verbrechen und Wahnsinn: Sie spielt in einer mythologischen spanischen Festung, die an einen Kerker erinnert, und in einem Irrenhaus; an Orten also, wohin die Gesellschaft jahrhundertelang alles verbannte, was nicht assimilierbar war. Change/Wechsel – mit diesem Begriff wird das ganze schwarze Stück über gespielt. Nicht nur werden in der Hochzeitsnacht falsche Bräute untergeschoben, verstecken sich im Irrenhaus gefakte Idioten, der „Change“ geht tiefer: Neben den alten Topoi von Verkleidung und Enthüllung, Maske und Demaskierung hat sich die Gesellschaft grundlegend verändert. Beziehungen werden nach ihrem Nutzen beurteilt, die Gesellschaft gewöhnt sich langsam an Empathielosigkeit, Grobheiten, Beleidigungen und Rechtsbrüche, die Schwelle hat sich verschoben, das Irrenhaus wird zur Normalität und quillt nach außen. Die Gesellschaft wird aus ihrer moralischen Pflicht entlassen, verantwortlich zu sein. Im Zentrum steht der Narzissmus, der das Verhältnis von Herrschaft und Sexualität befeuert. „Ihr müsst mir Erleichterung verschaffen, das ist Nächstenliebe“, sagt De Flores im dritten Akt. Und sendet damit einen Gruß an die Narzissten auch unserer Tage.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie.

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