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Theaterserie: Ernst Toller : Die Poetisierung der Revolution

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Der deutsche Dramatiker Ernst Toller, aufgenommen am 14. Sept. 1933 in London Bild: Picture-Alliance

Ernst Tollers „Masse Mensch“ ist ein Ideendrama. Das spricht aus heutiger Sicht eher für als gegen das Stück, denn die darin verhandelten Probleme sind überzeitlich bedeutsam.

          3 Min.

          Als im Mai vor hundert Jahren die zweite Münchner Räterepublik von weißgardistischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde, gehörte der Schriftsteller Ernst Toller zu den gesuchten Mitgliedern der Räteregierung. Er konnte untertauchen, wurde wenige Wochen später aufgespürt, wegen Hochverrats angeklagt, entging aber, anders als der Kommunist Eugen Leviné, der Hinrichtung. Sein Bemühen um die Vermeidung von Blutvergießen, seine aufrichtige idealistische Gesinnung wurden vom Gericht anerkannt, nicht zuletzt deshalb, weil der bekannte Soziologe Max Weber als Gutachter für ihn aussagte. Während seiner fünfjährigen Festungshaft war Toller literarisch sehr produktiv, schrieb Gedichte, Briefe und die Dramen „Masse Mensch“, „Die Maschinenstürmer“ und „Hinkemann“.

          „Masse Mensch“, sein zweites Theaterstück, galt als künstlerisch schwächer als sein erstes, das expressionistische Verkündigungsdrama „Die Wandlung“. Im Unterschied zu diesem bildkräftigen Stationendrama, in dem sich die Wandlung des Protagonisten Friedrich vom Kriegsverherrlicher zum Friedenskünder und „neuen Menschen“ vollzieht, ist „Masse Mensch“ (in manchen Ausgaben und auch von Toller selbst in einem Brief vom Oktober 1921 mit Bindestrich geschrieben) ein Ideendrama. Das spricht aus heutiger Sicht eher für als gegen das Stück, sind doch die darin verhandelten Probleme überzeitlich bedeutsam.

          Kann Gewalt legitim sein?

          Toller überträgt nämlich seinen inneren Konflikt zur Frage, ob die Ausübung von Gewalt in revolutionären Situationen legitim sein kann, auf Figuren, die er in seiner politischen Praxis kennengelernt hatte. Es ist insofern auch ein Schlüsselstück. Überraschend für die Zeit ist, dass die Projektionsfigur des Verfassers eine Frau ist. Im Stück heißt sie Sonja Irene L.. Ihr Vorbild hieß Sonja Lerch. Sie war eine Sozialistin und Friedensaktivistin, die bei den Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918 als Rednerin aufgetreten und deswegen zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Politisch enttäuscht und von ihrem Mann verlassen, der wegen ihrer Aktivitäten seine Karriere gefährdet sah, erhängte sie sich im Gefängnis. In Polizeiprotokollen wurden ihre Reden selten erwähnt, weil einer Frau ein ernsthaftes politisches Engagement nicht zugetraut wurde.

          Der eheliche Konflikt geht ebenso in Tollers Drama ein wie die Herabwürdigung der Frau. Neben ihrem Mann, der ihre Energie auf die Frauendomäne „soziale Wohltätigkeit“ umzulenken versucht, gibt es einen zweiten Gegenspieler, den Namenlosen, der nach dem kommunistischen Führer Leviné geformt ist. Um aus den revolutionären Massen „siegreiche Bataillone“ zu machen, ist ihm jedes Mittel recht. Seine moralische Skrupellosigkeit wird im Disput mit Sonja zu männlichem Potenzgehabe: „Ich packe nackte Dinge./ Dächt ich wie Sie, ich würde Mönch.“ Und: „Mit Händedruck, Gebet und brünstgen Bitten/ Erzeugt man keine Kinder.“ Ihr Aufruf zur Mäßigung sei „Geschwätz von Weiberröcken“. Aber die Frau ist nicht gefühlsgesteuert, sondern argumentiert kühl rational. Sie ruft die Munitionsarbeiter zum Streik auf, lehnt aber Maschinenstürmerei ab, denn: „Wir leben zwanzigstes Jahrhundert./ Erkenntnis ist:/ Fabrik ist nicht mehr zu zerstören.“ Während der Namenlose seine Lehre über alles stellt, nach der das Glück der Künftigen zu erkämpfen ist, entgegnet sie, man dürfe die Gegenwärtigen nicht einer fixen Idee von Zukunft opfern.

          Keine Aussicht auf Erfolg

          Selbstkritisch reflektiert Toller in Sonjas Reden seine bürgerliche Herkunft und seine Stellung als Intellektueller. In einer Szene des Stücks lässt die Frau sich hinreißen, die Begeisterung des Namenlosen für die Masse zu teilen. Aber als die Gegenrevolutionäre siegen, erkennt sie ihren Irrtum und ihre Schuld. Toller selbst hatte in Dachau gegen die angreifenden Noske-Truppen gekämpft und dabei versucht, Blutvergießen zu vermeiden. Eine Aussicht auf Erfolg hatten die Revolutionäre nicht. Im Stück wird die Frau verhaftet und am Ende hingerichtet, weil sie sich weigert, sich ihrem Mann anzuschließen, der ein Bekenntnis zum Staat von ihr fordert.

          Die aufrichtige und vorbehaltlose Selbstreflexion des Intellektuellen Toller im Medium des Dramas kann auch ein heutiges Publikum faszinieren. Der atemlose expressionistische Stil, in dem die Sprache aufs Äußerste verdichtet ist, wirkt durch hochgradige Intensität. Die realistischen Szenen wechseln mit Traumbildern, in denen das Geschehen visionär gespiegelt und sowohl sprachlich als auch in Lied und Tanz poetisiert wird. Obwohl das Stück durch den Titel als dialektisches Spiel ausgewiesen ist – „Masse Mensch“, also Kollektiv oder Individuum -, erzählt es auch von der persönlichen Tragik seiner Heldin, die vor ihrer Hinrichtung das Leben und die Natur eindrucksvoll preist: „O Weg durch reifes Weizenfeld/ In Tagen des August.../ Vormorgenwanderung in winterlichen Bergen.../ O kleines Käferchen im Hauch des Mittags.../ Du Welt.“ Dem Kritiker Alfred Kerr war dieses Stück zu radikal pazifistisch (was es nicht ist). Aber der Berliner Aufführung in der Volksbühne unter der Regie von Jürgen Fehling konnte er etwas abgewinnen. Man sollte es heute unbedingt wieder versuchen.

          Der Verfasser war Dozent für Literatur- und Medienwissenschaft an der Europa-Universität Flensburg.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie

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