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Theaterserie: „Der Dibbuk“ : Mit Inbrunst hin zur Vereinigung

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Ein vergessener Klassiker der jüdischen Literatur: Historisches Szenenbild aus der dramatischen Legende „Der Dybbuk“ von Salomon Anski Bild: Picture-Alliance

Salomon Anskys revolutionäres Theaterstück „Der Dibbuk“ hat das jiddische Theater für immer verändert. Genau jetzt sollten wir das Stück wieder auf die Bühne bringen.

          5 Min.

          Ich habe den „Dibbuk“ erst in Berlin entdeckt, in meinem untergemieteten Wohnzimmer in der Sonnenallee. Ich war Hals über Kopf aus New York hierhergezogen, kannte kaum jemanden in der Stadt und fand mich mit der Herausforderung konfrontiert, Freundschaften schließen zu wollen, ohne abends rausgehen zu können, da ich für meinen damals achtjährigen Sohn keine Kinderbetreuung hatte. Ich ahnte, dass die Lösung darin liegen würde, die Stadt stattdessen zu mir zu bringen. Also öffnete ich meine Türe zwei-, dreimal in der Woche fast fremden Menschen, Freunden von Freunden von Freunden, fernen Bekanntschaften, Leuten, denen ich tagsüber flüchtig in Cafés und Läden begegnet war.

          Gerade weil ich fremd in der Stadt war und vielleicht auch, weil ich immer eine selbstgekochte Mahlzeit anbot, brachten mir diese Menschen – oft Studierende oder Künstler – immer etwas aus Höflichkeit mit, kleine Talismane einer vorläufigen Freundschaft: selbstgebrannte CDs, Bücher, Bilder aus dem Antiquariat, Bio-Weine und Kräutersträuße. Einmal hatte eine Studentin einen Film aus der Bibliothek geliehen, und wir projizierten ihn auf meine Tapete. In den folgenden drei Stunden löste ich mich in diesem Film auf. „Der Dibbuk“ hieß er, ein schwarzweißes Relikt aus dem Jahr 1937, und obwohl er nur noch als letzte Aufnahme einer verlorenen Zeit gelten sollte, erzählte er von einer Welt, die mir alles andere als unbekannt war.

          Berichte über echte „Dibbukim“

          In dem Film ging es um die Chassidim, jene Gruppierung, die im achtzehnten Jahrhundert in Reaktion auf die Starre der Orthodoxie erfunden wurde, gewissermaßen das jüdische Equivalent zur Reform Luthers – und da ich selbst chassidisch aufgewachsen war, kannte ich das Wort Dibbuk gut. Es war eine regelrechte Erziehungsformel in meiner Kindheit gewesen. Gelegentlich gab es sogar Berichte über echte „Dibbukim“, wobei ich nie persönlich einem begegnet bin. In früheren Jahrhunderten nannte man den Dibbuk noch Ruach Rah – „böser Geist“. Später änderte man den Namen in Ruach Hamedabek (Dibbuk ist davon eine Verkürzung), was nur bedeutet: „Geist, der sich anheftet“. In dieser oberflächlichen Änderung kann man auch eine tiefgründige erkennen – irgendwann wurden die Geister nicht mehr in gut und böse unterteilt, sondern als ein unabwendbares Phänomen im menschlichen Leben wahrgenommen. Manche Geister heften sich an, und manche sind noch auf der Suche nach einem Träger, an den sie sich haften können.

          Radikaler Bruch mit der Konvention

          In der chassidischen Erzählungstradition war der Dibbuk wichtig, weil er immer wieder die Gelegenheit bot, dass ein Rabbiner durch dessen Vertreibung aus dem menschlichen Körper seine eigene Wundertätigkeit zur Schau stellen konnte. Ohne diese mythischen Auseinandersetzungen zwischen Rabbiner und Geist konnten sich die geistlichen Führer keinen Ruf erarbeiten. Geschichten über Dibbukim waren also immer auch Geschichten über mächtige Rabbiner und ihre Fähigkeit, die Kraft Gottes für ihre Taten in Anspruch zu nehmen. Aber in dem Film des Regisseurs Michal Waszynski, den ich an jenem Abend vor ein paar Jahren so gebannt ansah, gab es keine erfolgreiche Vertreibung des Geistes, wie ich es aus der Tradition kannte. Im Gegenteil, da wurde eine Dibbuk-Geschichte erzählt, die mir trotz all meiner Erfahrungen sehr fremd vorkam: Hier wird nämlich erst mit aller Kraft versucht, einen Geist von einer jungen Frau abzulösen. Nach scheinbar erfolgreicher Austreibung vereint sich die Frau dann aber wieder freiwillig mit ihrem Dibbuk. Nicht der Geist besetzt sie, sondern sie besetzt ihren Geist. Das ist, im Kontext der konventionellen Dibbuk-Erzählung, nichts weniger als radikal.

          Das Wort „Literatur“ fehlte

          Als die junge Studentin mir das nächste Mal ein Buch von I.L. Peretz schenkte, hatte meine Auseinandersetzung mit der jiddischen Literatur Europas schon begonnen. Den Autor des Theaterstückes, auf dem der Film basierte, habe ich schnell ausfindig gemacht, aber die biographischen Schriften über ihn irritierten mich. Wer waren all diese Namen, die von dem Verfasser so beiläufig erwähnt wurden? Wie sollte ich verstehen, dass es schon einen ganzen Kanon in meiner Muttersprache gab, zu dem ich bis dahin keinen Zugang gehabt hatte? Das könnte den ein oder anderen verwundern, denn meine Muttersprache ist ja Jiddisch, und ich selbst wuchs in jener Welt auf, die in dieser Literatur beschrieben wird. Aber ich hatte in meiner Jugend nie jiddische Literatur gelesen, jiddische Theaterstücke oder Filme gesehen. Sogar das Wort „Literatur“ fehlte in meiner Kindheitssprache, wie viele andere Worte, die ich hätte gebrauchen können, um meinen Gedanken Form und Sinn zu geben. Daher suchte ich nach fremden Worten und entdeckte heimlich die Literatur in den New Yorker Bibliotheken. Ich verstand schnell, wie sehr sie sich von den „Derzeilungen“ („Erzählungen“) zu Hause unterschieden. Zu Hause waren es die farblosen Geschichten über die Wunder wirkenden Rabbiner, über die Belohnungen des Glaubens für arme, geknechtete Juden – in der Bibliothek fand ich ganze Welten in Wörter gefasst, ohne bequeme Lehren, aber dafür voller umfassender Fragen. Die Literatur ist rätselhafter als die religiöse Erzählung, sie ist gefährlicher, sie ist unbändiger, sie ist radikaler. Die jiddische Literatur konnte ich erst außerhalb meiner strenggläubigen Gemeinde entdecken, weil sie ursprünglich als Werkzeug der Aufklärung diente.

          Reisende zwischen den Welten: Die Schriftstellerin Deborah Feldman

          Hinter der Geschichte des Dibbuk-Films steckt der Autor eines Theaterstückes, dessen Lebensgeschichte mir vertraut vorkommt. Ein Mann, der in einer kleinen, frommen, abgeschotteten Gemeinde aufwuchs, wo er sich früh als Rebell aufführte und schon mit siebzehn seine Reise in die Fremde begann. Sie sollte auch eine Reise zu seinem wahren Selbst werden, eine Reise, die mehrere Anproben eines potentiellen Selbst bedeuten würde, eine Reise, bei der die vielen Namensänderungen wie Meilensteine am Wegesrand stehen. Daher die Schwierigkeit, diesen Autor einfach beim Namen zu nennen.

          Identitätsverschiebungen

          Wer ist dieser Mann, der die Tradition der Dibbuk-Erzählung für immer verändert, ja komplett neu erfunden hat? Auf dem Deckblatt des Theaterstücks, das in vier Akten zwischen 1913 und 1916 erst in russischer Sprache verfasst und dann vom Autor selbst ins Jiddische übersetzt wurde, steht der Name „S. Ansky“. Geboren wurde der Autor 1863 aber als Shloyme Zanvl Rappoport. Zwischen Geburt und Tod, zwischen diesen zwei Namen und Identitäten kommen noch etliche dazu. Solomon Aronovich zum Beispiel oder: Semyon Akimovich. Auch Marc Chagall hieß früher einmal Moische Chazkelewitsch Segal. Beide Männer kommen aus Vitebsk. In seiner Autobiographie „Ma Vie“ beschreibt Chagall das Leben seines Vaters als das eines Sklaven. Chagal und Ansky verstanden sich hingegen als Emanzipierte. Lange Zeit ging es nur darum, zu fliehen. Erst später suchten sie wieder nach ihrer Vergangenheit und arbeiteten sie in ihren Werken auf.

          Ich erkenne mich in diesem Muster wieder. Auch ich habe einst anders geheißen. Auch die anderen Aussteiger, die ich kenne, nennen sich fast immer um. Man glaubt, mit dem neuen Namen ein neues Selbst erschaffen zu können. Erst wenn sich dieses Selbst fest und beständig anfühlt, kann man mit seinem Blick zurückkehren, weil die Vergangenheit dann einem Fremden gehört, zu einem Objekt wird. S. Ansky hat es vielleicht nicht bei der ersten Umbenennung geschafft, auch nicht bei der zweiten, aber er kam allmählich dazu. Und erst dann, als der Name richtig passte, konnte er sich seinen Ursprüngen zuwenden. Dann sehnte er sich danach, die beiden Welten zusammenzubringen, als würde er damit die verschiedenen, disparaten Identitäten in seinem Inneren zu einem Stoff vereinen.

          Ein Stück über den Frieden

          Er hat sich wegen der lang anhaltenden, vehementen Ablehnung seiner Wurzeln vorgenommen, gegen den immer wieder aufkommenden Antisemitismus zu kämpfen. Was liebten die Christen mehr als Folklore, dachte er. Er würde ihnen zeigen, dass auch die Juden ihre Folklore hatten. Anskys Dibbuk-Geschichte endet anders als alle vorherigen, weil er sich in der Realität ein anderes Ende wünschte, der Gesellschaft ein alternatives Ende vorschlagen wollte. Er glaubte, die Geschichte neu schreiben zu können. Deshalb gibt es hier keine Vertreibung mehr, sondern eine Vereinigung von Gegensätzen. In seinem Theaterstück „Der Dibbuk“ geht es im Grunde um nichts anderes als den Frieden zwischen vermeintlichen Feinden.

          Die Geister haften an uns

          Ansky starb 1920, kurz bevor sein Stück zum ersten Mal aufgeführt wurde und sich schnell zu einem ungeheuren Erfolg entwickelte. Mit dem Zweiten Weltkrieg starb seine Geschichte – sowohl die Erzählung als auch die Welt, aus der sie entstanden war. Warum möchte ich sie heute auf einer deutschen Bühne wieder erleben? Weil es keinen anderen Ort gibt, an dem die Menschen so inbrünstig auf die gemeinsame Suche nach dem Verlorenen gehen können. Anskys Traum hat doch überlebt – trotz der scheinbar erfolgreichen Vertreibung haften die Geister noch immer an uns.

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