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Theaterserie: „Der Dibbuk“ : Mit Inbrunst hin zur Vereinigung

  • -Aktualisiert am
Reisende zwischen den Welten: Die Schriftstellerin Deborah Feldman

Hinter der Geschichte des Dibbuk-Films steckt der Autor eines Theaterstückes, dessen Lebensgeschichte mir vertraut vorkommt. Ein Mann, der in einer kleinen, frommen, abgeschotteten Gemeinde aufwuchs, wo er sich früh als Rebell aufführte und schon mit siebzehn seine Reise in die Fremde begann. Sie sollte auch eine Reise zu seinem wahren Selbst werden, eine Reise, die mehrere Anproben eines potentiellen Selbst bedeuten würde, eine Reise, bei der die vielen Namensänderungen wie Meilensteine am Wegesrand stehen. Daher die Schwierigkeit, diesen Autor einfach beim Namen zu nennen.

Identitätsverschiebungen

Wer ist dieser Mann, der die Tradition der Dibbuk-Erzählung für immer verändert, ja komplett neu erfunden hat? Auf dem Deckblatt des Theaterstücks, das in vier Akten zwischen 1913 und 1916 erst in russischer Sprache verfasst und dann vom Autor selbst ins Jiddische übersetzt wurde, steht der Name „S. Ansky“. Geboren wurde der Autor 1863 aber als Shloyme Zanvl Rappoport. Zwischen Geburt und Tod, zwischen diesen zwei Namen und Identitäten kommen noch etliche dazu. Solomon Aronovich zum Beispiel oder: Semyon Akimovich. Auch Marc Chagall hieß früher einmal Moische Chazkelewitsch Segal. Beide Männer kommen aus Vitebsk. In seiner Autobiographie „Ma Vie“ beschreibt Chagall das Leben seines Vaters als das eines Sklaven. Chagal und Ansky verstanden sich hingegen als Emanzipierte. Lange Zeit ging es nur darum, zu fliehen. Erst später suchten sie wieder nach ihrer Vergangenheit und arbeiteten sie in ihren Werken auf.

Ich erkenne mich in diesem Muster wieder. Auch ich habe einst anders geheißen. Auch die anderen Aussteiger, die ich kenne, nennen sich fast immer um. Man glaubt, mit dem neuen Namen ein neues Selbst erschaffen zu können. Erst wenn sich dieses Selbst fest und beständig anfühlt, kann man mit seinem Blick zurückkehren, weil die Vergangenheit dann einem Fremden gehört, zu einem Objekt wird. S. Ansky hat es vielleicht nicht bei der ersten Umbenennung geschafft, auch nicht bei der zweiten, aber er kam allmählich dazu. Und erst dann, als der Name richtig passte, konnte er sich seinen Ursprüngen zuwenden. Dann sehnte er sich danach, die beiden Welten zusammenzubringen, als würde er damit die verschiedenen, disparaten Identitäten in seinem Inneren zu einem Stoff vereinen.

Ein Stück über den Frieden

Er hat sich wegen der lang anhaltenden, vehementen Ablehnung seiner Wurzeln vorgenommen, gegen den immer wieder aufkommenden Antisemitismus zu kämpfen. Was liebten die Christen mehr als Folklore, dachte er. Er würde ihnen zeigen, dass auch die Juden ihre Folklore hatten. Anskys Dibbuk-Geschichte endet anders als alle vorherigen, weil er sich in der Realität ein anderes Ende wünschte, der Gesellschaft ein alternatives Ende vorschlagen wollte. Er glaubte, die Geschichte neu schreiben zu können. Deshalb gibt es hier keine Vertreibung mehr, sondern eine Vereinigung von Gegensätzen. In seinem Theaterstück „Der Dibbuk“ geht es im Grunde um nichts anderes als den Frieden zwischen vermeintlichen Feinden.

Die Geister haften an uns

Ansky starb 1920, kurz bevor sein Stück zum ersten Mal aufgeführt wurde und sich schnell zu einem ungeheuren Erfolg entwickelte. Mit dem Zweiten Weltkrieg starb seine Geschichte – sowohl die Erzählung als auch die Welt, aus der sie entstanden war. Warum möchte ich sie heute auf einer deutschen Bühne wieder erleben? Weil es keinen anderen Ort gibt, an dem die Menschen so inbrünstig auf die gemeinsame Suche nach dem Verlorenen gehen können. Anskys Traum hat doch überlebt – trotz der scheinbar erfolgreichen Vertreibung haften die Geister noch immer an uns.

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