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Theaterserie: „Der Dibbuk“ : Mit Inbrunst hin zur Vereinigung

  • -Aktualisiert am

Radikaler Bruch mit der Konvention

In der chassidischen Erzählungstradition war der Dibbuk wichtig, weil er immer wieder die Gelegenheit bot, dass ein Rabbiner durch dessen Vertreibung aus dem menschlichen Körper seine eigene Wundertätigkeit zur Schau stellen konnte. Ohne diese mythischen Auseinandersetzungen zwischen Rabbiner und Geist konnten sich die geistlichen Führer keinen Ruf erarbeiten. Geschichten über Dibbukim waren also immer auch Geschichten über mächtige Rabbiner und ihre Fähigkeit, die Kraft Gottes für ihre Taten in Anspruch zu nehmen. Aber in dem Film des Regisseurs Michal Waszynski, den ich an jenem Abend vor ein paar Jahren so gebannt ansah, gab es keine erfolgreiche Vertreibung des Geistes, wie ich es aus der Tradition kannte. Im Gegenteil, da wurde eine Dibbuk-Geschichte erzählt, die mir trotz all meiner Erfahrungen sehr fremd vorkam: Hier wird nämlich erst mit aller Kraft versucht, einen Geist von einer jungen Frau abzulösen. Nach scheinbar erfolgreicher Austreibung vereint sich die Frau dann aber wieder freiwillig mit ihrem Dibbuk. Nicht der Geist besetzt sie, sondern sie besetzt ihren Geist. Das ist, im Kontext der konventionellen Dibbuk-Erzählung, nichts weniger als radikal.

Das Wort „Literatur“ fehlte

Als die junge Studentin mir das nächste Mal ein Buch von I.L. Peretz schenkte, hatte meine Auseinandersetzung mit der jiddischen Literatur Europas schon begonnen. Den Autor des Theaterstückes, auf dem der Film basierte, habe ich schnell ausfindig gemacht, aber die biographischen Schriften über ihn irritierten mich. Wer waren all diese Namen, die von dem Verfasser so beiläufig erwähnt wurden? Wie sollte ich verstehen, dass es schon einen ganzen Kanon in meiner Muttersprache gab, zu dem ich bis dahin keinen Zugang gehabt hatte? Das könnte den ein oder anderen verwundern, denn meine Muttersprache ist ja Jiddisch, und ich selbst wuchs in jener Welt auf, die in dieser Literatur beschrieben wird. Aber ich hatte in meiner Jugend nie jiddische Literatur gelesen, jiddische Theaterstücke oder Filme gesehen. Sogar das Wort „Literatur“ fehlte in meiner Kindheitssprache, wie viele andere Worte, die ich hätte gebrauchen können, um meinen Gedanken Form und Sinn zu geben. Daher suchte ich nach fremden Worten und entdeckte heimlich die Literatur in den New Yorker Bibliotheken. Ich verstand schnell, wie sehr sie sich von den „Derzeilungen“ („Erzählungen“) zu Hause unterschieden. Zu Hause waren es die farblosen Geschichten über die Wunder wirkenden Rabbiner, über die Belohnungen des Glaubens für arme, geknechtete Juden – in der Bibliothek fand ich ganze Welten in Wörter gefasst, ohne bequeme Lehren, aber dafür voller umfassender Fragen. Die Literatur ist rätselhafter als die religiöse Erzählung, sie ist gefährlicher, sie ist unbändiger, sie ist radikaler. Die jiddische Literatur konnte ich erst außerhalb meiner strenggläubigen Gemeinde entdecken, weil sie ursprünglich als Werkzeug der Aufklärung diente.

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