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Theaterserie Franz Grillparzer : Wer sich selbst verleugnet, kühlt von innen aus

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Auf diesem Gemälde von Hans Temple sind sie alle beisammen: Von Ludwig van Beethoven (4. von links) über Franz Schubert (2. von links) bis hin zu Grillparzer (1. von rechts) bei einem Schubert-Abend im Hause Joseph von Spauns. Bild: picture alliance/Bianchetti/Leemage

Mann gegen Frau, Religion gegen Staat - wo man hinschaut, Konflikte, die auch in den Tiefenschichten unserer Gegenwart noch pochen: Franz Grillparzers fragmentarisches Drama „Esther“.

          Die deutschsprachige Literaturgeschichte ist reich an bemerkenswerten Dramenfragmenten. Einige davon wie Büchners „Woyzeck“ werden häufig aufgeführt, andere wie Hölderlins „Empedokles“ seltener. Weitere wie Kleists „Robert Guiskard“ werden von den Bühnen sogar weitgehend ignoriert. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Gelegentlich sind die Figuren bloß skizziert, manchmal ist die Sprache noch nicht ganz durchgeformt, immer wieder bleiben Fortgang und Ziel der Handlung unklar.

          Obwohl Franz Grillparzers „Esther“-Fragment relativ gut ausgearbeitet ist, gehört es zu der Gruppe der nicht aufgeführten Dramenfragmente. Das überrascht. Die glänzenden knapp tausend Verse, die Grillparzer über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten in wiederholten Anläufen verfasst hat, behandeln nämlich Fragen auch unserer Zeit.

          Das Stück beginnt mit einem Krieg der Geschlechter. Der König feiert mit seiner männlichen Entourage ein großes Gelage. Als das Fest auf seinen Höhepunkt zusteuert, lässt er die Königin rufen, um sie der versammelten Männergruppe vorzuführen. Die Königin, die parallel ein Fest mit ihrem weiblichen Gefolge feiert, verweigert sich. Innerhalb weniger Verse bildet sich ein hochdramatischer Konflikt heraus, an dessen Ende die Trennung des Königs von seiner Ehefrau steht. Die Hofgesellschaft spaltet sich in zwei Parteien: Die Männer stehen auf der Seite des Königs, die Frauen auf derjenigen der schmachvoll verstoßenen Königin.

          Ein erhebendes Geheimnis erniedrigt sie zur Lügnerin

          Bald werden die schönsten Frauen des Reichs im Palast versammelt, denn der Herrscher sucht eine neue Ehefrau. Er findet sie in der Jüdin Esther, der Ziehtochter des Gelehrten Mordechai. Von ihrer Schönheit und Aufrichtigkeit bezaubert, gewinnt der missmutige König im Umgang mit ihr das Vertrauen in die Menschen zurück. Königin kann Esther aber nur werden, weil sie ihre Religion verschweigt.

          Grillparzers Dramenfragment bricht wenig später in einem Moment äußerster Zuspitzung ab. Esther, die ihre Konfession bislang nicht zur Sprache brachte, verleugnet ihre Herkunft nun ausdrücklich und streitet jede Bekanntschaft mit Mordechai ab: „Ich – kenn ihn nicht.“ Der dramatische Knoten ist damit geschürzt: Das Geheimnis, das die einst so lautere Esther zur Königin Persiens erhöht hat, erniedrigt sie zugleich zur gemeinen Lügnerin.

          Wie wäre die Handlung dieses großartigen Dramenfragments weiter verlaufen? Eine Antwort lässt sich dem Bericht der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Auguste von Littrow entnehmen. Grillparzer hatte dem wiederholten Drängen von Theaterleuten wie Heinrich Laube nachgegeben, auch unfertige Werke wie die „Esther“ zu veröffentlichen. Nach einer Aufführung der „Esther“ im Mai 1886 am Wiener Burgtheater besuchte Littrow den menschenscheuen Dichter gleich am nächsten Morgen und stellte ihm die Frage, die alle Leser des Dramenfragments bis heute umtreibt: Wie hätte er das Drama fortgesetzt?

          Die Juden werden geschont, und Haman wird gehängt.

          Grillparzer gab ihr wider Erwarten „über anderthalb Stunden“ Auskunft: Weil Mordechai nicht vor Haman, dem höchsten Beamten des Hofstaates, ehrfurchtsvoll niederfällt, ordnet Haman die Verfolgung der Juden im gesamten Persischen Reich an. Daraufhin befiehlt Mordechai seiner Ziehtochter, dem König ihre Herkunft zu bekennen, um so die persischen Juden vor der geplanten Verfolgung zu schützen. Zunächst gehorcht Esther ihm nicht. Schließlich offenbart sie sich dem König aber doch.

          Die Juden werden geschont, und Haman wird gehängt. Doch Esthers rettendes Bekenntnis ist zugleich das schmerzhafte Eingeständnis, dass die Ehe zwischen ihr und dem König auf einer Lüge gegründet ist. Gut ausgehen kann dieses Drama nicht mehr. Nachdem Grillparzer an dem Wiener Frühlingsmorgen zunächst über den Ausgang des Dramas schweigt, fragt ihn seine Besucherin wiederholt: „Und die Esther?“ – „Stirbt auch“, soll Grillparzer dann lapidar geantwortet haben, „stirbt auch oder führt ein qualvolles Leben neben dem . . . König“.

          Grillparzer ist es nicht mehr gelungen, das Drama bis zu dem Moment fortzuschreiben, in dem die innerlich erkaltete Esther dem Publikum entgegentritt. Im Gespräch mit Littrow schildert er eine Szene, die diese moralische Auskühlung machtvoll veranschaulichen sollte: Der böse Hofbeamte Haman liegt darin „Gnade flehend zu der Königin Füßen, welche er zu umfassen sucht; sie weist ihn kalt ab, indem sie dieselben gleichgültig. . . auf das Ruhebett, auf welchem sie saß, heraufzieht“. Selten ist die Gewalttätigkeit kleiner Gesten so eindrücklich imaginiert worden.

          Am Schluss hätte wohl Esthers kümmerliche Existenz neben dem ihr entfremdeten Ehemann gestanden. Der bereits im gleichnamigen biblischen Buch angelegte Konflikt der Geschlechter findet in Grillparzers gereiztem Nebeneinander von Frau und Mann seine Fortsetzung. Hinzu tritt das ebenfalls im Bibelstoff angelegte konfliktive Verhältnis zwischen Religion und Staat. Grillparzer wollte zeigen, dass der politische Zwang, den eigenen Glauben und die eigene Herkunft verheimlichen zu müssen, immer einen „Keim des Verderbens“ in sich birgt. Ein drängendes Problem, das in den Tiefenschichten auch unserer Gegenwart noch pocht. Schon deshalb lohnt es sich, das imposante Dramenfragment für die heutige Bühne wiederzuentdecken.

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