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Theaterserie: Alexander Blok : Das Jahrhundert ist ein Dachsbau mit zwei Ausgängen

  • -Aktualisiert am

Sogar der Schnee trauerte, als „Die Unbekannte“ verschwand. Bild: dpa

Alexander Bloks Visionentheaterstück „Die Unbekannte“ führt uns auf der Suche nach Schönheit und Liebe durch dunkle Spelunken und dichtes Schneetreiben. Danach beginnt das Chaos.

          3 Min.

          „Von Blok kann man sagen, er sei der Dichter der ,Unbekannten‘ und der russischen Kultur“, schrieb Ossip Mandelstam 1922, ein Jahr nach dem Tod des Dichters Alexander Blok. 1880 in St.Petersburg geboren, starb der mit 41 Jahren in Petrograd (wie Petersburg einige Jahre hieß, bis es in Leningrad umbenannt wurde). Er starb nicht, wie viele seiner Kollegen, im Exil oder in einem Lager, sondern in seinem Bett, an einer Herzkrankheit – zu einer Zeit, da sich nur die Dichter mit dem Herzen herumquälen wollten. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte sich Alexander Blok, der Dichter des Übergangs (vom Zarenreich zum Sowjetreich, vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, von der Vormoderne zur Moderne), mit Fragen des Humanismus.

          Dass nur eine Revolution die Verhältnisse ändern könne, lag für ihn auf der Hand: „Der gegenwärtige russische Staatsapparat ist natürlich mieses, geiferndes, stinkendes Alter, ein siebzigjähriger Syphilitiker, der mit einem Händedruck die gesunde Jünglingshand infiziert. Die russische Revolution ist in ihren besten Vertretern – Jugend mit einem Nimbus rings um das Gesicht. Auch wenn sie noch nicht ausgereift ist, auch wenn sie oft knabenhaft unweise ist – morgen ist sie erwachsen. Das ist doch klar wie der helle Tag.“ In seinem viel zu wenig bekannten, aufregenden Tagebuch schreibt er 1919: „Gestern ein großer Tag. Ich verlas ein Referat über Heine und kam darin auf das Thema des Zusammenbruchs des Humanismus und Liberalismus zu sprechen. – Gorki schlägt vor, das Wort ,Liberale‘ mit dem Wort ,Nihilisten‘ zu ersetzen, sagt, es stehe ein verzweifelter Kampf des Dorfes mit der Stadt bevor, in welchem nicht nur die Kapitalisten, sondern auch die Schriftsteller und Künstler dran glauben müssen. Abschließend sagt er mit demselben lieben Lächeln zu mir: ,Zwischen uns ist eine Distanz von gewaltigem Ausmaß, ich bin so einer aus dem Leben, aber ich verstehe, was Sie sagen, ich finde den Vortrag prophetisch, ich bitte um Entschuldigung, dass ich so rede in Ihrer Gegenwart.‘“

          Bob Wilson, bitte übernehmen Sie!

          Es waren die letzten Schlachten um das gute, schöne, wahre Erbe der Kunst, danach begann das Chaos. Blok: „Schon allein die Aufspaltung – Kunst und Literatur, in welcher die erste irgend etwas ohne Verantwortung ist, die zweite etwas Gewichtiges, Nährendes, Geistiges ...“ Wenn jemand eine Ahnung von Abschied, von Epochenbruch hatte, dann war es der immer jugendliche Alexander Blok. Er sah, dass in seinem „armen, barbarischen Russland, wo sich keinerlei Erinnerung halten konnte ... Stiefel höher stehn als Shakespeare“.

          Blok wird im Gedächtnis bleiben als bedeutender europäischer Dichter (sein Urgroßvater war ein aus Mecklenburg stammender Arzt der Zarenfamilie, der Vater ein Staatsrechtler aus Warschau, die Mutter übersetzte Baudelaires „Blumen des Bösen“). Seit Paul Celans Übersetzung des Revolutionspoems „Die Zwölf“ ist Blok auch immer wieder ins Deutsche übertragen worden. Noch in der DDR erschien eine von Fritz Mierau herausgegebene, von vielen Schriftstellern, unter anderen Christa Reinig, Elke Erb und Sarah Kirsch übersetzte dreibändige Ausgabe der Gedichte, Essays, Reden, Briefe, Tagebücher und Theaterstücke, die später auch in der Bundesrepublik als Lizenz angeboten wurde. Darin kann man auch das Stück „Die Unbekannte“ lesen. Es hat drei Akte, die Block „Visionen“ nennt. Die erste Vision spielt in einer üblen Spelunke, in der sich das Strandgut einer Großstadt versammelt hat. Ein Nachtasyl. Durch das Fenster zur Straße sieht man Passanten im Pelz und mit Umschlagtüchern, drinnen muss man sich an ein trübes Licht gewöhnen. Der Wirt hat einen hängenden, der Kellner einen hochgezwirbelten Schnurrbart, ein betrunkener Greis gleicht aufs Haar dem Dichter Verlaine, ein anderer sieht aus wie Gerhart Hauptmann. In diesem sinistren Milieu haben die trunkenen Dichter ihren Auftritt, die Schwärmer, die von der hohen Liebe schwadronieren, bis sie im Suff und Delirium versinken.

          Die zweite Vision, eine Traumsequenz, spielt an einer Brücke am Stadtrand. Im dichten Schneetreiben ist ein Stern auf die Erde gekommen in Gestalt einer schönen Frau. Der Sterndeuter, der Dichter, ein Herr und der Unbekannte lassen sich von ihr und ihrer Poesie verzaubern – vergeblich. Sie verschwinden alle im Schnee, „auch der Schnee trauert“, heißt es in der Bühnenanweisung. Die Schneemauern verdicken sich, scheinen zusammenzuwachsen, alles wird weiß wie am Schluss von Edgar Allan Poes „Arthur Gordon Pym“.

          Die dritte Vision, das drastische Gegenstück zur ersten, spielt im Salon. „Die nicht mehr ganz junge Dame des Hauses sitzt kerzengerade, als hätte sie einen Stock verschluckt“, Gäste kommen und reden – zum Teil sehr komisch – belangloses Zeug, meistens über Kunst und Käse (Camembert, Roquefort, Brie). Und plötzlich steht der Stern Maria mitten unter ihnen. Alle wissen, wer sie ist, aber keiner traut sich mit ihr zu reden, und als man ins Nebenzimmer zum Essen geht, ist sie wieder verschwunden. „Vor dem dunklen Fenstervorhang steht niemand mehr. Am Himmel, hinter dem Fenster leuchtet ein heller Stern. Himmelblauer Schnee fällt; er ist ebenso himmelblau wie der Amtsrock des unterdessen verschwundenen Sterndeuters.“ Bob Wilson, bitte übernehmen Sie!

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