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Theaterserie: „Reiter ans Meer“ : Die graue Botschaft von Felsen und Wind

  • -Aktualisiert am

Der irische Dramatiker John Millington Synge Bild: Picture-Alliance

Ein anarchischer Einakter mit Hang zur totalen Verstörung: „Reiter ans Meer“ von John Millington Synge fasst in einem einzigen Akt, in einem einzigen Raum, in knapper Sprache die ganze menschliche Tragödie.

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          Seine Figuren wirken wie roh herausgehauen, aus Holz oder Stein, sie werfen tiefe Schatten. Es sind die Schatten des Todes, der Tragödie und der menschlichen Komödie, der so tragischen wie absurden condition humaine. Zwei größere Prosawerke, darunter die „Aran-Inseln“, die ihn berühmt machten, und sechs Bühnenstücke hinterließ John Millington Synge (1871 bis 1909) bei seinem frühen Tod. Als Autor und zeitweise Co-Direktor des von seinem Dichterkollegen William Butler Yeats gegründeten Irischen Nationaltheaters, später Abbey-Theatre, betrieb er wie Yeats um die Jahrhundertwende eine Erneuerung irischen Kulturguts, eine Wiederbelebung der alten keltischen Mythen und Legenden, wie sie damals noch in ländlichen Milieus und auf den Aran-Inseln weit draußen im Atlantik zu finden waren. Wie wenig indes die literarischen Ziele der beiden Dramatiker den nationalistisch gesinnten Iren entgegenkamen, sollte der Skandal offenbaren, den Synges berühmtestes Stück, die Tragikomödie „The Playboy of the Western World“, bei der Uraufführung 1907 auslöste.

          Auf Empfehlung von Yeats

          Synge und Yeats waren sich erstmals in Paris begegnet, wo sie sich den Einflüssen der Symbolisten wie Maeterlinck, Mallarmé und Verlaine öffneten. Die Empfehlung des Freunds und Gönners Yeats an den sechs Jahre jüngeren Kollegen wurde so bekannt wie das Buch, das sich dieser Empfehlung verdankt: Synges literarische Reportage seiner fünf Aufenthalte auf den Aran-Inseln, zu denen Yeats ihn animiert hatte. Mit der Entdeckung dieser von kontinentaler und urbaner Zivilisation fast vollkommen unberührten Lebenswelten mit ihrem farbigen Reichtum volkstümlicher Phantasie proportional zur Kargheit, Öde und Monotonie des von Meer und Sturm geprägten Daseins fand Synge zum „Inhalt“ seines Schreibens und seiner Stücke. Vor allem auch zu seiner Sprache, die im englischen Irisch Wendungen und Dialektfärbung jener ländlichen, oft gälisch sprechenden Gemeinden aufzunehmen und zu bewahren versucht. Eine Herausforderung für die Übersetzer, unter ihnen Heinrich und Annemarie Böll, Erich Fried, Peter Hacks und – am überzeugendsten für das hier vorgestellte Stück – Norbert Miller.

          Schicksal von mythischer Gewalt

          „Reiter ans Meer“ (Riders to the Sea) ist nach „Die Nebelschlucht“ (The Shadows of the Glen) der zweite Einakter Synges, 1904 am Abbey-Theatre uraufgeführt. Ein kurzes Stück, und zugleich eine Totenklage von archaischer Wucht, musikalisch durchkomponiert in Bewegung, Tempo, Rhythmus, so wie alle Stücke Synges, der zunächst ein Musikstudium absolviert hatte. Es spielt auf einer der Aran-Inseln, ein Fatum entfaltend, dem vieler anderer gleich: eine Mutter, die den Mann und alle ihre sieben Söhne an die wilde See verliert, nur zwei Töchter überleben mit ihr. Ein Schicksal von mythischer Gewalt, hier zugleich mit jener visionären Gabe verschmolzen, die nur in der Einsamkeit und im Ausgeliefertsein an die Elemente, die Naturgewalten sich zu entwickeln vermag.

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