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Theaterserie: Herrmann-Neiße : Warum soll es bloß eine Norm geben, warum nicht tausend Arten Normales?

Der Krieg verhinderte eine Inszenierung des burlesken Stoffes, in dem ein Totschlag im Zirkusmilieu zum Auflöser einer Artistengemeinschaft wird. Bild: Picture-Alliance

Totschlag im Zirkusmilieu: Die Wiederentdeckung von Max Herrmann-Neißes Burleske „Joseph der Sieger“ lohnt sich schon, um die Unruhezeit der frühen Weimarer Republik zu verstehen.

          Bemerkenswert, dass Max Herrmann-Neißes „Joseph der Sieger“ Luigi Pirandellos ungleich berühmterem „Sechs Personen suchen einen Autor“ vorausging: Seine Uraufführung erlebte das deutsche Stück im November 1919 im Berliner Kleinen Schauspielhaus, anderthalb Jahre vor dem italienischen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Fertig geschrieben war es sogar schon 1914, aber der Krieg verhinderte eine Inszenierung des burlesken Stoffes, in dem ein Totschlag im Zirkusmilieu zum Auflöser einer Artistengemeinschaft und zum Auslöser einer Artistenwanderschaft wird. Das schien dem Ernst der Weltkriegstage nicht angemessen, während diese rastlose Handlung in der Unruhezeit der frühen Weimarer Republik dann einen Nerv traf. Man führte „Joseph der Sieger“ denn auch nicht unter dem vom Autor gewünschten pathetischen Titel „Joseph der Sieger“ auf, sondern taufte es in lokaldialektaler Verwurstung klassisch alliterierender Lustspielbenennungen („Leonce und Lena“, „Erwin und Elmire“) in „Albine und Aujust“ um.

          Da kann man einfach nichts mehr sagen. Höchstens lachen!

          Mehr als dreißigmal wurde das Stück dann in Berlin gegeben, aber nur noch an einer einzigen anderen Bühne nachgespielt, zwei Jahre später in Nürnberg, und dort nach nur vier Aufführungen abgesetzt. Seitdem Fehlanzeige auf den Spielplänen. An der fehlenden Prominenz des Verfassers dürfte das nicht liegen. Max Herrmann, geboren 1886 in jenem schlesischen Ort, dessen Namen er später dem eigenen anhängte, um sich von einem anderen Max Herrmann des Berliner Kulturlebens zu unterscheiden, war eine der schillerndsten kulturellen Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Ein beliebter Dichter, ein begabter Rezitator, gut Freund mit der ganzen Berliner Boheme und wegen seines verwachsenen Körpers vielfach porträtiert (am berühmtesten von George Grosz), musste Herrmann-Neiße 1933 vor den Nazis flüchten und starb 1941 im Londoner Exil. Dank einer zehnbändigen Werkausgabe aus den achtziger Jahren hat man ihn wiederentdeckt als einen der witzigsten, aber auch sensibelsten Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Das Theater jedoch, dem seine besondere Liebe gehörte, zeigte ihm zu Lebzeiten die kalte Schulter – und anschließend erst recht.

          Was aber hat „Joseph der Sieger“, wie wir es weiter nennen wollen, weil das Stück so hieß, als es 1919 noch vor der Uraufführung gedruckt wurde, mit Pirandellos Drama zu tun? Die Desillusionierung der Bühnensituation. Im letzten Bild, einem Nachtcafé zu Breslau, tritt ein Max Herrmann auf, der sich als Autor all dessen, was da auf der Bühne passiert ist und noch passieren wird, entpuppt (und auch von Max Herrmann-Neiße selbst in sämtlichen Berliner und Nürnberger Aufführungen gespielt wurde). „Was willst du denn überhaupt eigentlich mit der ganzen Komödie sagen? Wie?“, raunzt ihn ein Begleiter an, und der Bühnen-Max-Herrmann erwidert: „Sagen – was ich mit sagen will? – – Was für eine absurde Frage! Da kann man einfach nichts mehr sagen. Höchstens lachen! Laut auflachen! Geradezu vorsintflutlich ist das!“ Herrmann-Neiße verabschiedete mit seinem Debüt als Theaterautor gleich die ganze Tradition der Kunstform, die er doch so sehr schätzte.

          Meine Art ist normal und die deine pervers!

          Im Folgenden rekapituliert sein Alter Ego dann auf der Bühne noch einmal das ganze bisherige hektische Geschehen des Stücks und lässt sich denn doch noch zu einer Deutung herab, womit die ganze kunstrevolutionäre Emphase wieder zum Teufel ist – mit keiner anderen Figur treibt der wahre Max Herrmann seinen Scherz so bitter wie mit sich selbst.

          Wir haben uns, nicht zuletzt durch Luigi Pirandellos Desillusionierung des Illusionstheaters, inzwischen zwar an dergleichen Kunstgriffe gewöhnt, aber hier ist eine Frühform geboten, die unter dem zeittypischen Ballast von klischeebehafteten Milieus (Zirkus, Pariser Salon, Caféhaus) einen geradezu existentialistischen Kern zu bieten hat, in dem die ganze Ernsthaftigkeit des durch seine körperliche Deformation zum Außenseiterkünstler verurteilten Max Herrmann-Neiße zu spüren ist. Diesen Kern herauszupräparieren, die unter der Oberfläche vulkanisch brodelnde Zeitstimmung wieder sichtbar zu machen in unserer Epoche, die ja auch nicht wenigen gesellschaftlichen Zerreißprobe ausgesetzt ist, das wäre die Aufgabe für einen Theaterarchäologen, der im Alten das Zukunftweisende zu sehen und das gegebenenfalls als defizitär empfundene Gegenwärtige inszenatorisch beizugeben verstünde.

          Letztes Wort für Max Herrmann, als Autor und Figur ein Herold moralischer Diversität: „Warum soll es bloß eine Norm geben, aber tausend Arten von Abnormität? Warum nicht tausend Arten Normales? Vielleicht ist meine Empfindung bloß eine andere Art des Normalen als deine. Wär’ ich so intolerant wie du, ich behauptete dreist mit demselben Recht: Meine Art ist normal und die deine pervers!“ Vorhang, aber nur für die Empfehlung, nicht fürs Stück. Dem bitte die Bühne frei.

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