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Theaterserie: Carrington : Warum schweigen die Lämmer heute?

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Zeichnerin und Autorin: Leonora Carrington. Bild: Picture-Alliance

Stücke von, mit und über Frauen – das will die Welt sehen. Einer der verrücktesten und wildesten Komödien wird trotzdem viel zu wenig Beachtung geschenkt: Leonora Carringtons „Das Fest des Lamms“.

          Alle wollen mehr Stücke von, mit und über Frauen auf unseren Bühnen sehen, aber eines der verrücktesten, komischsten, wildesten, das je von einer Frau geschrieben wurde, lässt man links liegen: Leonora Carringtons „Das Fest des Lamms“, 1940 entstanden, erst 1995 uraufgeführt und heute schon fast wieder vergessen. Dabei ist es nicht nur ein Leckerbissen für Liebhaber des (übrigens auch sträflich unterrepräsentierten) surrealistischen Theaters und ein Kabinettstückchen schwarzen Humors, sondern auch ein Fest für Schauspieler. Jedenfalls wenn ein Meister wie Jossi Wieler das „Fest“ zelebriert. Seine Inszenierung 2003 an den Münchner Kammerspielen war die letzte ernsthafte Auseinandersetzung. Seither gab es nur noch ein paar schaurig missglückte Versuche in Karlsruhe oder Ingolstadt, das Weihnachtsfest der Lämmer zu einer Art schrulliger Addams Family aufzumöbeln.

          Dabei ist „Baa-Lamb’s Holiday“ keine lammfromme englisch-exzentrische Boulevardkomödie, schon gar nicht Edgar-Wallace-Gedächtnisgrusel mit vertrottelten Bobbys, fauchenden Vampiren und einer Art Elisabeth-Flickenschildt-Hexe im Zentrum. Man kann das Stück freudianisch-jungianisch als nekrophiles Familiendrama, Metapher für den Faschismus oder feministische Parabel deuten. Tatsächlich hat Elfriede Jelinek es für Olga Neuwirths Oper „Bählamms Fest“ (1999) in 13 Bildern als Vater-Tochter-Konflikt neu interpretiert. Allerdings auch derart mit metamedialen Diskursschlenkern dekonstruiert, dass aus dem „aufgebrochenen Musiktheater“ nicht gerade ein populäres Musical hervorging.

          1936 brannte sie mit Max Ernst durch

          Warum schweigen die Lämmer heute? Zugegeben: Carringtons „Fest“ ist ein sonderbares Gemisch aus Splatter-Horror, Oscar-Wilde-Konversationston und Rotkäppchen-Märchen. Die Sprache ist surrealistisch blumig, die Handlung folgt einer somnambulen Traumlogik, die Figuren sind Tiermenschen, Werwölfe, Voodoo-Puppen. Aber in Carringtons Magischem Realismus wirkt unverkennbar der Schadenszauber von Klassenherkunft und Erziehung nach. Die Tochter eines neureichen Textilmagnaten aus Lancashire rebellierte schon als Kind gegen bürgerliche Konventionen. Aufgewachsen in einem düsteren Schloss, standesgemäß geknechtet von Nannys, Gouvernanten und einem Hausastrologen, erhielt sie im Internat einmal einen ihrer zahlreichen Schulverweise, weil sie die Bibel nur in linkshändiger Spiegelschrift abschreiben mochte. 1936 brannte sie mit Max Ernst durch. Die drei Jahre mit ihm an der Ardèche waren das Paradies für sie, 1940 wurde sie unsanft vertrieben. Auf der Flucht vor den Nazis verloren sich Loplop, der „Vogelmensch“, und seine „Windsbraut“ aus den Augen; als sie Max später wiedersah, war er schon mit Meret Oppenheimer liiert.

          Leonora Carrington ist nicht durch Pelztassen oder nackte Rückenansichten berühmt geworden, aber sie war mehr als nur eine surrealistische Muse, unter anderem eine beachtliche Malerin. André Breton war hingerissen von der „Hexe“, wenn sie alchemistische Mahlzeiten auftischte oder im Restaurant ihre Füße mit Senf bestrich. Männer, erzählte ihr Sohn, verloren angesichts ihrer dunklen Schönheit die Sprache. Sie selbst verlor vorübergehend ihren Verstand und wurde dafür von den Surrealisten beneidet.

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