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Theaterserie: „Leo Armenius“ : Der Sieger trägt das Kreuz

Die Handlung von „Leo Armenius“ spielt in Konstantinopel im Jahr 820 nach Christus. Bild: Picture-Alliance

Ein Blick in den Kreislauf der Macht: Das Märtyrerdrama „Leo Armenius“ von Andreas Gryphius behandelt drängende Fragen der politischen Theologie und ist viel heutiger als es selbst wissen kann.

          Man müsste das Stück übersetzen. Es herausholen aus dem Gefängnis der barocken Sprache, der gelehrten Metaphern, so wie Brecht in „Mutter Courage“ die von Grimmelshausen erzählte Geschichte der Landstörzerin Courasche verwandelt und in die Moderne übersetzt hat. Aber der Weg zu uns wäre diesmal viel kürzer, denn „Leo Armenius“ ist ja schon ein Drama, ein Trauerspiel von Andreas Gryphius, erstmals erschienen im Jahr 1650. In der Ausgabe von 1663, die Gryphius vor seinem Tod im folgenden Jahr noch einmal gründlich redigiert hat, macht schon der Titel klar, worum es geht: „Leo Armenius/Oder Fürsten-Mord“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Handlung spielt im Kaiserpalast und in der „Burg“ von Konstantinopel, von Heiligabend nachmittags bis zum Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages im Jahr 820 nach Christus. Michael Balbus („der Stotterer“), der Oberbefehlshaber des byzantinischen Heeres, hat sich gegen seinen einstigen Freund und Förderer Leo Armenius („der Armenier“) verschworen, der jetzt auf dem Kaiserthron sitzt. Der Tyrann müsse gestürzt werden, erklärt Michael, weil er sich „im Blut der Untertanen wäscht“ und „seinen Gelddurst stets mit unsern Gütern löscht“. Aber das ist nicht der Leo, den wir kurz darauf kennenlernen. Im Gegenteil, der Kaiser, den Gryphius vor uns erstehen lässt, ist ein Melancholiker und Zauderer, die Macht liegt ihm wie ein Stein auf der Brust. „Was ist ein Prinz doch mehr als ein gekrönter Knecht?“, fragt Leo, den im Schlaf Albträume quälen „mit Brand, mit Ach und Tod“ und dessen Reich von allen Seiten bestürmt wird. Die Verschwörung, die bald aufgedeckt wird, könnte er mühelos ersticken; aber noch lieber will er, dass Balbus, „die kalte Schlang’“, seinen Verrat bereut, bevor er stirbt. So lässt sich der Kaiser von seiner Gattin Theodosia überreden, die Hinrichtung bis nach Weihnachten aufzuschieben. Das ist sein Verhängnis. Die Verschwörer, die Michael aus dem Kerker heraus lenkt, schleichen sich als Priester verkleidet während der Christmette in die Hagia Sophia und ermorden Leo, der sich verzweifelt wehrt, am Altar; und Michael Balbus wird Basileus von Byzanz.

          Ermordung des ikonoklastischen Klerus

          Gryphius hat die historischen Tatsachen, auf die er sich stützt, auf bezeichnende Weise umgeschrieben. Leo V., oströmischer Kaiser von 813 bis 820, war ein knallharter Machtpolitiker, der seinen eigenen Vorgänger auf einem Feldzug gegen die Bulgaren schmählich im Stich gelassen und anschließend entthront hatte. Michael II. wiederum, sein Nachfolger, wurde bei seiner Verschwörung vor allem durch den byzantinischen Klerus gestützt, der sich von der Ermordung des ikonoklastischen Kaisers ein Ende der Bilderverfolgungen erhoffte, was auch tatsächlich geschah. Dafür löste Michaels Thronbesteigung allerdings einen dreijährigen Bürgerkrieg aus, der das Reich der Byzantiner militärisch auf lange Zeit schwächte und die arabische Eroberung von Kreta und Sizilien möglich machte.

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