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Theaterserie: Lenz : In eurem Morast ersticke ich!

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So könnte das in etwa aussehen: Szene aus einer Inszenierung an der Berliner Volksbühne von Lenz’ „Soldaten“ Bild: Gianmarco Bresadola / drama-berlin.de

In diesem Stück spiegelt sich der Wahnsinn auch unserer Welt: „Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi“ von Jakob Michael Reinhold Lenz.

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          Leipzig, Dresden, sogar Naumburg. Orte, die seit geraumer Zeit eine neue, jedoch traurige Berühmtheit erlangt haben. Dabei fing alles so gut an: Zur Zeit von Jakob Michael Reinhold Lenz waren diese Städte bedeutende Geisteszentren. Genau dort siedelt Lenz, der radikalste, wildeste Sozialankläger und revolutionärste Vertreter des Sturms und Drangs, ein Herder- und Kant-Verehrer, eines seiner fulminantesten Stücke an. Lenz: Ein kompromisslos Moderner, der vom Anfang seines Schaffens an schonungslos Missstände benannte, deren Thematisierung Zeitgenossen vermieden oder nur sublimiert wiedergaben. Doch hatte er das Pech, dass gleich seine ersten erfolgreichen, allerdings anonym veröffentlichten Stücke Goethe zugeschrieben wurden. Als Lenz als Urheber bekanntwurde, stempelte man ihn gar noch als Nachahmer ab.

          Schreibsüchtiger Lenz

          Goethe publizierte fast gleichzeitig seinen „Werther“, und die öffentliche Wahrnehmung aller anderen Publikationen unterlag dem von diesem Kassenschlager ausgehenden Parfum der Hysterie. Goethe war es auch, der bestimmte, ob Stücke veröffentlicht und aufgeführt wurden oder nicht. So wurde der gefährdete, schreibsüchtige Lenz, der die Unabdingbarkeit des Dichters über alles stellte (da dieser sonst nur „Brustzuckerbäcker, Bettwärmer oder Pillenversilberer“ sei), in Weimar vom nur um ein Jahr älteren Goethe zunächst gefördert. Doch innerhalb eines dreiviertel Jahres brach Goethe mit Lenz (vermutet wird eine Frauengeschichte oder ganz einfach Neid) und verhinderte weitere Publikationen. Lenz wurde vertrieben und schließlich als Rebell und Querulant aus dem Fürstentum verbannt. Er sollte nicht der einzige Dichter bleiben, der unter Goethes Interessenräder geriet.

          Das ganze Volk als Publikum

          Lenz folgte keiner Mode, keiner Methode, keiner Schule. Dafür hat er bezahlt. Ein Studienabbrecher, ein unbequemer Unbehauster, der sich zeitlebens in finanziellen Nöten befand und zwischen allen amtlichen Stühlen saß: Nie wurde er als Lette ganz in Deutschland aufgenommen, nie erhielt er als russischer Untertan ein Amt. Er sollte drangsaliert und wiederholt für wahnsinnig erklärt werden, bis er über Stationen im Elsass und in der Schweiz, schließlich vom dreißigsten Lebensjahr an im russischen Exil lebte und dort elend und obdachlos mit 42 Jahren in einer Moskauer Gasse krepierte. Grab unbekannt. Noch heute kennt manch Theater seinen „Hofmeister“ oder die „Soldaten“– doch sonst? Der Reformidealist Lenz, der sich „das ganze Volk“ als sein Publikum wünschte, stieß mit seiner Haltung, die das Feudalsystem heftig angriff, auf Widerstand. So ist sein Protagonist in „Der neue Menoza“, ein die Sitten der Europäer – insbesondere die der Deutschen – erforschender, nach Frankreich durchreisender Mann, natürlich kein Erbprinz, sondern ein aufgestiegener Page.

          In Naumburg trifft er auf die Familie Biedermann und wird von ihr aufgenommen. Lenz zeichnet ein „Raritätenkabinett“, das mit Herrn Biedermann, „dem wackersten Europäer“, beginnt, einem Ex-Offizier, der all seine Fortune im Schlesischen Krieg verloren hat und jetzt als Handelsreisender mit Frau (Etatverwalterin sowie Bankrott-Menetekel) und Tochter in Naumburg lebt. Biedermann plädiert für einen zehn- bis zwanzigjährigen Aufenthalt des Prinzen, um die „Deutschen zu verstehen“.

          Das reinste Sodom

          In Wahrheit ist der Prinz sein verlorener Sohn, den die Eheleute im Kindesalter als Söldner an einen Tiroler Freund „verkauft“ hatten, der ihn Jesuiten mitgab und den die Biedermanns längst tot wähnen. Dieser gebürtige Europäer, der in Smyrna/Türkei und Cumba/Hinterindien (die Topographie des Ganzen schwankt abenteuerlich) eingepflanzt wurde, so wie Vater Biedermann als Taschen-Linné Maulbeerbäume für seine Seidenwurmzucht in Sachsen anpflanzt, will „Land und Leute“ kennenlernen, um daheim ein besserer Regent zu sein. Was er sieht, ist das reinste Sodom. Dieser mal als „Kalmücke“, mal als „Bramahne“ titulierte angebliche Wilde, ein großer Leser, verliebt sich als Erstes vehement in die Tochter des Hauses und sie sich in ihn: Wilhelmine, eine stille Liebende und gleichzeitig aggressive Penelope. Graf Chamäleon, ein Immobilienspekulant, ist ebenfalls an ihr interessiert und gerät darüber mit dem Prinzen aneinander. Heimlich heiratet dieser Wilhelmine in Rosenheim, doch dann taucht Zopf, „der Tiroler“ auf und gibt bekannt, dass der Prinz der Sohn Biedermanns ist.

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