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Theaterserie: Iwan Turgenjew : Sie meinen es bitterernst

  • -Aktualisiert am

Iwan Turgenjew, russischer Schrifsteller. Undatierte Porträtaufnahme. Bild: Picture-Alliance

Wie ein Pendel schlägt das Herz von Vernunft zu Raserei: Iwan Turgenjews „Ein Monat auf dem Lande“ bricht die Voraussetzung einer zivilisierten Welt auf den kleinsten Nenner herunter.

          In Iwan Turgenjews Stück „Ein Monat auf dem Lande“ gibt es nur ein Thema: die Liebe. Nirgendwo sonst trifft man auf eine solche Anzahl von Mesalliancen, auf eine derartige Häufung von Verzweiflung, Irritation, Scham, von Sehnsucht, Angst und auch Berechnung. Durch alle Altersklassen hindurch wird die möglichst unmögliche Verbindung gesucht.

          Turgenjew, der seiner Heimat Russland immer wieder den Rücken kehrte, ein seinem Vaterland und seiner Zeit gegenüber durchaus kritischer Geist, bricht mit diesem Stück die Voraussetzung einer zivilisierten Welt quasi auf den kleinsten Nenner herunter: Wie soll man leben, wenn man nicht geliebt wird? Wie kann man handeln ohne Liebe? Sogar der Ungerechte und Ungeschlachte sucht sie.

          Natalia Petrovna ist neunundzwanzig, ihr Mann Arkadij sechsunddreißig, sein Freund Rakitin dreißig. Vor elf Jahren lernten sie Natalia gemeinsam kennen, Arkadij heiratete die Schöne, Rakitin wurde zum Hausfreund. Eine Situation, die Turgenjew nur allzu gut aus eigenem Erleben kannte. Rakitin hat Natalia immer geliebt, und dennoch nicht gewagt, sich ihr zu offenbaren und so die Ehe seines Freundes zu gefährden.

          Vermögen zählt man hier in „Seelen“

          Beljajew, ein Student, zwanzig Jahre alt, blond, hübsch und unerfahren, kommt für den Sohn Kolja als Lehrer ins Haus. Auf ihn werfen sich nun die Projektionen der Leidenschaft. Nicht nur Natalia muss sich ihre Liebe zu dem viel jüngeren Mann eingestehen, auch Vera, der siebzehnjährigen Stieftochter, hat er das Herz gebrochen.

          Rakitin, der auch für Natalia entflammt ist, muss nun zum Schlichter werden. Über sein eigenes Wollen ratlos, versucht er das Schlimmste zu verhindern und muss doch selber das Weite suchen. Die Flamme der so plötzlich aufgeloderten Leidenschaften droht alle zu vernichten. Auch der Lehrer flieht. Die Tochter flieht. In eine Heirat mit dem dreimal so alten Bolschintzov. Natalia appelliert an sich selbst und verzweifelt doch im nächsten Augenblick. Wie ein Pendel schlägt ihr Herz von Vernunft zu Raserei. Dem Ehegatten stockt, angesichts des plötzlichen Einbruchs der Liebesstürme in sein ruhiges Leben, der Atem.

          Das alles in nur einem Monat, und als die Zeit sich staut, sind’s nur drei Tage Raserei. Dass wir uns auf einem Landgut fern in Russland bei Petrov befinden, dass man Vermögen hier in „Seelen“, also Leibeigenen, zählt, dass das Geschehen beinahe zweihundert Jahre her ist, errichtet vor uns keinerlei Barriere. Es spielt in der Geschichte keine Rolle.

          Die Erde dreht sich schneller und schneller

          Schauplatz ist der Planet der Liebe. Wozu noch leben, wenn mich doch alles verlässt, fragt Natalia ihren Rakitin voller Ernst, und es bricht uns das Herz. Und doch nennt Turgenjew sein Stück eine Komödie. Natürlich: Es gibt bei den Nebenfiguren Liebeshändel, die an Vaudeville und Farce erinnern. Spigelskij, der Arzt zum Beispiel, breitet vor der Gesellschaftsdame Jelisaweta Bogdanovna ein präzise gefasstes Ehetableau als Antrag aus.

          Zunächst werden die Einkünfte verglichen, dann die Einstellungen. „Ich bin nicht böse, man muss mir nur alles zu Gefallen tun und mich bemuttern . . . Ich kann es nicht ausstehen, wenn eine Frau heult. Aber ich bin auch kein Nörgler. Sie sind, wie alle alternden Mädchen, ein bisschen säuerlich geworden, aber das ist weiter kein Beinbruch. Das Tabakschnupfen gewöhnen Sie sich am besten ab. Reden wir also geschäftlich.“

          Und Bolschintzov, der Freund des Arztes, schießt unter den Brautwerbern schließlich den Vogel ab, als er es mit seinen achtundvierzig auf die siebzehnjährige Vera abgesehen hat, ohne zunächst freilich den Mut aufzubringen, sich dem Haus der Braut auch nur zu nähern. Aber diese komischen Figuren handeln in einem höheren Sinne seriös. Sie meinen es bitterernst. Natürlich ist’s von Raserei zu Irrsinn nur ein kleiner Schritt.

          Und so erzählt das 1855 veröffentlichte, aber erst 1872 uraufgeführte Stück „Ein Monat auf dem Lande“, das hierzulande zuletzt am Deutschen Theater in Göttingen gezeigt wurde und anlässlich des kürzlich gefeierten 200. Todestages von Turgenjew nicht nur in der modernisierten Adaption von Patrick Marber, sondern im Original überall gespielt werden müsste, ganz aktuell von unser aller Scheitern und unser aller Glücksbestreben. Alles ist bei uns auf Beschleunigung ausgerichtet, die Erde dreht sich schneller und schneller. Sie wetzt sich ab an ihren Geschöpfen. Was Vergangenheit war, was Zuversicht, Gemeinschaft, Ruhe, wird in eine Moderne katapultiert, in der sich dieses Stück als eine Zeitmaschine erweist.

          Von all ihren Guten verlassen, werden sie für Natalia zu Geistern eines verlorenen Glücks. Die Geschichte endet im Heute, und unsere schöne (auch das ist ein Schicksal) Gutsbesitzerin sitzt am Fenster eines Plattenbaus. Allein. Ein Single.

          Der Verfasser ist Schauspieler, Regisseur, Sänger und Autor. Vor kurzem erschien sein Romandebüt „Vor dem Anfang“.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ erscheint in regelmäßigen Abständen und stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie.

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