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Theaterserie: „Interieur“ : Sie haben zu viel Vertrauen in diese Welt

Eine Stunde lang stehen sie am Fenster, der Fremde und der alte Mann, vom Schicksal zu Unglücksboten gemacht. Bild: dpa

In „Interieur“ von Maurice Maeterlinck stehen zwei Männer am Fenster eines Hauses und halten, zu Unglücksboten gemacht, das Glück einer Familie in ihren Händen.

          Ein Mädchen springt von der Brücke. Frühmorgens um halb sieben, die Promenade am Fluss ist noch leer, in der Ferne dröhnen die Motoren der Müllabfuhr. Ein junger Mann läuft zum Bahnhof, zieht den Kopf ein vor dem kalten Regen. Er ist als Erster an der Stelle, wo der tote Körper an Land geschwemmt wird. Die Tasche fällt ihm aus der zitternden Hand, er ruft um Hilfe, sieht einen Passanten weglaufen auf der anderen Flussseite, holt ihn zurück, damit sie zusammen sind, er nicht allein bleibt mit dem Schrecken, dem plötzlichen Einbruch des Unglücks.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          So könnte die Vorgeschichte gehen zu einem Stück von Maurice Maeterlinck, das den mehrdeutigen Titel „Interieur“ trägt: Das Innere eines Hauses ist damit gemeint, in dem hinter erleuchteten Fenstern eine Familie lächelnd am Kamin sitzt und auf eine ruhige Nacht wartet. Alle Bewegungen scheinen hinter den beschlagenen, von Eisenstangen gesicherten Scheiben „wie vergeistigt“ zu sein, heißt es in der Regieanweisung. Das Geschehen im Haus ist nur zu sehen, nicht zu hören: Wie die beiden Schwestern den Kopf drehen, der Vater den Finger an die Lippen legt, die Mutter die Locken ihres Kindes streichelt – Gesten des bürgerlichen Wohlstands, der gelassenen Zuversicht. „Sie haben zu viel Vertrauen in diese Welt“, sagt der alte Mann, der draußen am Fenster steht und ihr ganzes Glück in seinen Händen hält.

          Mühsame Hoffnung

          Denn der Titel „Interieur“ meint auch das Innere des Menschen, seine Seele, die schwer verletzt ist, ohne dass jemand es bemerkt. „Monatelang lebt man neben einem, der nicht mehr von dieser Welt ist, für dessen Seele es keine Umkehr gibt; man antwortet ihm ahnungslos: und Sie sehen, was passiert“, sagt der alte Mann, der die Frau aus der Kirche kennt, gestern noch mit ihr gesprochen hatte, ahnungslos lächelnd – „es schien mühsam für sie, Hoffnung zu zeigen“, erinnert er sich jetzt.

          Schon eine Stunde lang stehen sie am Fenster, der Fremde und der alte Mann, vom Schicksal zu Unglücksboten gemacht. Sie müssen es ihnen sagen, der alte Mann soll es tun, weil er die Familie kennt. Aber er zögert noch, will ihnen ein paar letzte Momente der Sorglosigkeit gewähren. Außerdem hat er Angst vor dem Schweigen, das auf seine Nachricht folgt, Angst vor den leeren Blicken, in dem Moment, wenn der Tod an ihren Augen vorüberzieht. Seine Enkelin kommt und zieht ihm am Ärmel: „Sagt es ihnen morgen, Großvater, sagt es ihnen, wenn es hell ist ... sie werden nicht ganz so traurig sein.“ Doch über den Berg kommen schon die Totenträger und bringen den aufgedunsenen Körper herbei. Der Schreckensmoment lässt sich nicht weiter aufschieben, jetzt klopft der alte Mann an die Tür, und drinnen heben alle gleichzeitig den Kopf.

          Der Mensch ist seinem Schicksal ausgeliefert

          Maeterlincks Einakter „Interieur“ ist ein Initialwerk der Moderne. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben, 1895 uraufgeführt in Paris, zeugt es von der Revolution, die sich damals in der Theaterliteratur ereignete. Die Anordnung des Geschehens wird radikal formalisiert, und die Sprache wird selbständig. Sie ist nicht mehr Ausdruck eines einzeln Handelnden, der auf Antwort wartet, sondern gibt eine Stimmung wieder, die er nicht beherrscht. Der Mensch ist seinem Schicksal ausgeliefert, sodass – anders als in der klassischen Tragödie – kein Kampf mehr lohnt. „Interieur“ spielt im Garten vor dem „glücklichen Haus“. Der Zuschauer schaut Zuschauern zu und fühlt sich mit ihnen wissend und herausgehoben. Dabei wird auch er angesehen von dem, der über alle Zukunft bestimmt: dem Tod.

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