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Theaterserie: Hildesheimer : Der Mann, der schlafen will

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Konzentriert zwischen den Welten: Wolfgang Hildesheimer 1973 in Wolfsburg Bild: Picture-Alliance

Bekenntnis zum Theater des Absurden zwischen Beckett und Ionesco: Warum es sich lohnt, das Drama „Nachtstück“ von Wolfgang Hildesheimer wiederzuentdecken.

          3 Min.

          „Wer kann schlafen, wenn er über Deutschland liest?“ Das ist keine Frage, nur die entwaffnende Feststellung eines Mannes, der die Zeit zwischen 1933 und 1945 in England und Palästina erlebte, als Simultandolmetscher bei den Nürnberger Prozessen nach Deutschland zurückkehrte und sich seit 1957, auch durch den Umzug von München ins schweizerische Poschiavo, in aller Deutlichkeit von einem Deutschland distanzierte, in dem Mitläufertum und Antisemitismus nicht der Vergangenheit angehörten. Es ist die Schlaflosigkeit eines Autors, der zurückschaut auf einige erfolgreiche Erzählungen und Hörspiele: groteske Be-trachtungen über eine Gesellschaft, die ihre oberflächliche Kulturbeflissenheit vor sich her trägt. Vor allem aber auch auf Dramentexte: in denen es dunkel wird und Uhren das haltlose und damit sinnlose Vergehen von Zeit angeben; in denen das Wahrzeichen von Pisa sich neigt und stürzt; in denen das verspätete Eintreffen einer urmenschlichen Spezies so wenig der Erwartung entspricht, dass sie in Frage gestellt wird.

          Faszinierende Fremdartigkeit

          Dieser Autor hatte im August 1960 in seiner „Erlanger Rede“ das Theater des Absurden als philosophische „Parabel über die Fremdheit des Menschen in der Welt“ erklärt, als Konfrontation mit der Unverständlichkeit des Lebens. Jene Stücke, für die seine Zeitgenossen Beckett und Ionesco berühmt geworden waren und mit denen er selbst, Wolfgang Hildesheimer, als ihr einziger selbsterklärter deutscher Vertreter (der junge Günter Grass sah sich nicht in dieser Nachfolge) durch luftige Höhen und düstere Täler der Kritikerlandschaft fuhr – so oft enttäuscht wie voller Hoffnung. Den Vorwurf des Epigonalen bis hin zum Plagiat vermochte er nicht abzustreifen. Das deutsche Nachkriegspublikum war zwar wie kein anderes dazu bereit, die Pariser Exoten als kurioses Ausnahmespektakel zu bewundern, nicht aber, diesem so faszinierend Fremdartigen als Gattung einen festen Platz im Theater einzuräumen, und damit auch: sich selbst in Bezug dazu in Frage zu stellen. Henning Rischbieter, Herausgeber von „Theater heute“, fragte 1961 anlässlich von Hildesheimers neuem – und drittletztem – Drama „Die Verspätung“, ob die Stunde des absurden Theaters nicht inzwischen vorbei sei. „Die Absurdität der anderen ist meine Wirklichkeit“, entgegnete der Künstler.

          Vermochten auch seine „Uhren“ sich einzureihen zwischen Becketts „Glückliche Tage“ und Ionescos „Stühle“, mochte auch er selbst betonen, jenseits des bequem Konventionellen ein surrealistischer, ein absurder Dramatiker zu sein – so führen die meisten seiner Stücke dennoch nicht bis hin zur letzten Konsequenz: der vollkommenen Leere, vollkommenen Fremdheit. Figuren erklären sich, erklären einander – eine Art innerer Moral, Vernunft, Fassbarkeit, Plausibilität schwingt bei Hildesheimer immer mit. Insofern steht sein „Nachtstück“ zwischen surrealer Groteske und absurdem Spiel. Am 28. Februar 1963 kam der Einakter in den Düsseldorfer Kammerspielen erstmals auf die Bühne. Nur acht Tage zuvor hatte Erwin Piscators Berliner Uraufführung von Hochhuths „Stellvertreter“ einen Skandal ausgelöst. Und Hildesheimer erklärte – in einem seiner offenherzigen Interviews – die Schlaflosigkeit der Hauptfigur zu seiner eigenen, die kalte Gleichgültigkeit des Einbrechers aber zur kalten Gleichgültigkeit des Publikums gegenüber seiner Umgebung. Das „Nachtstück“ sei „ein Bekenntnisstück“: Er habe versucht, „die Würde eines Scheiternden nachzuvollziehen“.

          Das Seil zum Fesseln liegt bereit

          Das Drama kommt zunächst kommod absurd daher: „Ein Mann, der schlafen will“, vollzieht sein Abendritual: das Badezimmerlicht, die Fenster, das Bett, der Schlüssel, die Schlafmittel. Dabei scheint die Unordnung dieser Rituale, die Infragestellung von Ausführung und Sinn, bereits Teil des Prinzips zu sein. Und so überrascht es den Mann nicht, als seine wiederholte Handlung, unter dem Bett nach einem Einbrecher zu sehen, nach einer Weile von Erfolg gekrönt wird. Denn das Spiel war Berechnung, die Haustür mit Absicht offen gelassen. Das Seil zum Fesseln liegt bereit, der Einbrecher soll dem Schlaflosen als Zuhörer der ihn quälenden Erinnerungen dienen: an blutrote Kardinäle, Generalswitwen im Schweigemarsch gegen den Frieden, an viertausend einander zum Verwechseln ähnliche Staatsmänner.

          In Rage schluckt der Mann Tabletten. Indes ist die Bedrohung nicht aus der Welt – sie kommt aus der Welt. Denn mehrmals klingelt das Telefon: Geheimnisvolle Zahlenfolgen binden den Mann an ein ihm rätselhaftes Außen, das auch der Einbrecher nur zu entzaubern, nicht aber zu entschlüsseln weiß, während er auf dem Totenbett des Mannes seinen mitgebrachten Proviant verspeist. Die Wiederholung, das Spiel als Zeitvertreib, die rätselhafte Verbindung zur Außenwelt, der Wunsch nach dem Lebensende als Erlösung von den Schmerzen der Erinnerung – all dies bekannte Elemente des „Absurden“. Dazu nun der bewusste Formbruch durch Reflexion und konkrete Absicht, die Darstellung von Charakter versus Gewissenlosigkeit und inhaltlich der Brennpunkt von Religion und Politik im Visier der sich wiederholenden albtraumhaften Geschichte.

          Wieder bekam der Dramatiker, der allen das Wesen des absurden Theaters erklärt hatte, das „Ja, aber“ der Kritik zu hören. Doch diesmal antwortete er offen, rigoros – und mit dem Prosamonolog „Tynset“, der die Thematik des von wahren Träumen gepeinigten Schlaflosen aufgriff. Anlässlich seines hundertsten Geburtstages wurde 2016 vielfach an den Erzähler, Dramatiker, Hörspielautor und Übersetzer erinnert. Das Mitglied der Gruppe 47, dessen Bühnenerstling 1955 von Gründgens in Düsseldorf uraufgeführt wurde, wird mit seiner „Erlanger Rede“ wohl für immer meistzitiert sein in den Programmheften absurder Dramen. „Wer kann schlafen, wenn er über Deutschland liest?“ Und wer möchte ruhen, bis er einen dramaturgischen Ansatz gefunden hat, Wolfgang Hildesheimers „Nachtstück“ auf brisante Weise heute spielbar zu machen?

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