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Der dänische Schriftsteller Gustav Johannes Wied (1858-1914) Bild: Picture-Alliance

Theaterserie: Gustav Wied : Unzüchtiges Satyrspiel

Gewitzte Menschenliebe und unheilbarer Pessimismus: Gustav Wieds „2 x 2 = 5“ ist ein unbedingt wiederzuentdeckendes sarkastisches Lustspiel über einen #MeToo-fälligen Lehrer, lichtloser als jede Tragödie.

          3 Min.

          Wenn George Steiner in einem großen Essay für das neunzehnte Jahrhundert den „Tod der Tragödie“ diagnostiziert, weil anstelle der Nacht des Tragischen, die kein Licht der Vernunft erhelle, die Gaslaterne der Aufklärung und die Tischleuchte der Emanzipation träten, so hält der Däne Gustav Wied für diese Erzählung der Agonie doch noch eine Pointe parat, die Steiner übersah. Wied, ein Virtuose kaustischen Humors, der sich am 24. Oktober 1914 in Roskilde mit Zyankali aus einer Welt schaffte, die er ebenso liebte, wie er sie nicht mehr ertrug, wurde um 1900 auf den Bühnen deutscher Großstädte gar nicht so selten gespielt. Man nannte ihn in einem Atemzug mit George Bernhard Shaw und Frank Wedekind.

          „Küss mich doch, du Esel“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine Romane und Komödien – er nannte sie konsequent „Satyrspiele“ – erschienen zumeist in der pfiffigen, putzmunteren Übersetzung von Ida Anders, und zwar im Verlag von Axel Juncker in Berlin, wo 1912 auch Kurt Tucholskys „Rheinsberg“ herauskam. Das ist kein Zufall. Tucholsky, der lebenslang ein Faible für Dänemark und Schweden hatte, dürfte Wied gelesen und in dessen gewitzter Menschenliebe, durch die ein unheilbarer Pessimismus schimmert, einen älteren Kompagnon erkannt haben. Wenn in Wieds Satyrspiel „2 x 2 = 5“ die Lebedame Othella Lustig, die übrigens gern Richard Wagners „Tannhäuser“-Vorspiel auf dem Pianino als Beischlafanbahner intoniert, zu ihrem Opfer Paul Abel sagt: „Küss mich! Sei nun nicht mehr feierlich! Küss mich doch, du Esel!“, so ist der asphalterprobte Tonfall metropolitanen Liebesgeschnäbels bei Tucholsky darin schon erkenntlich vorgebildet.

          Unzerrüttbar gute Laune

          „2 x 2 = 5“ verarbeitet einen Vorfall aus Wieds eigenem Leben, der auch Gegenstand seines Romans „Aus jungen Tagen“ war. Als junger Mann hatte Wied in Zeitungen über häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch in Familien geschrieben und war dafür kurzzeitig ins Gefängnis gekommen. In seinem Satyrspiel ist es der Lehrer und Schriftsteller Paul Abel, der wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“ aus dem Schuldienst entlassen wird und eine kurze Haftstrafe antreten muss. Paul, dem einmal ganz im Stil von Oscar Wilde der Satz über die Lippen kommt: „Entschuldige, dass ich einen Augenblick ernsthaft zu werden begann; es soll nicht wieder vorkommen“, nimmt die ganze Angelegenheit mit unzerrüttbar guter Laune. Das Dialog-Pingpong mit seiner Frau Esther, das gute Screwball-Komödien aus dem Hollywoodkino der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre vorwegnimmt, lässt eine völlig zerrüttete Ehe erkennen und ist, bei allem Spaß, mit einer Bitterkeit getränkt, die uns von Arthur Schnitzler her vertraut ist.

          Die Paarkonversationen zwischen Paul und Esther sowie zwischen dem Karikaturisten Gerhard Konik und seiner Frau Line funkeln vor Unterhaltsamkeit und – Verletzungsintelligenz. Im Gefängnis wird Paul zu seinem gemütlichen Wärter sagen: „Das ist so gerade das Unglück bei der Ehe, Sieverts, dass man nicht von ein und demselben Geschlechte sein kann.“ Aber auch in dieser Frage ist Wied ziemlich liberal, denn bei Pauls Schwager Friedrich, genannt Frida, der „so eine Art Verlobte“ hat, wird ziemlich deutlich, dass seine Neigung nicht den Frauen gehören kann. Er wird allerdings mit besonderer Sympathie von Paul behandelt, dessen Neigungen nun eindeutig den Frauen – und zwar nicht nur seiner eigenen – gehören.

          Judy-Dench-Charakter

          „2 x 2 = 5“ lässt nicht nur zwei Ehepaare, einen jungen Mann mit vager sexueller Identität und die stockkonservativen Eltern Esthers, Rechnungsrat Thomas Hamann und dessen Frau Marie, auftreten, sondern auch die „Hetäre“ Othella Lustig oder den Rennfahrer Hugo Jörgensen. Die adlige Kammerherrin, die Paul nach der Haft eine Redakteursstelle bei einer konservativen Zeitung verschaffen will, ist quasi der Judy-Dench-Charakter im Stück. Überwiegend ziemlich temporeich, kurzzeitig aber auch im Ton einer erbitterten Abrechnung verhandelt „2 x 2 = 5“ die vielfältige Korrumpierbarkeit von Menschen. Jeder hat einen Punkt, an dem er oder sie so verwundbar ist, dass sich die jeweilige Prinzipenfestigkeit als bloße Prinzipchenfestigkeit erweist. Irgendwann verraten alle ihre Überzeugungen, seien sie politischer oder moralischer Natur, sogar der positive Held, der angetreten war, durch Aufklärung die Welt wachzurütteln. Wied beschreibt durch eine Komödie die Bindung des Menschen an seinen Charakter, aus dem er nicht ausbrechen kann, und damit – im Gegensatz zu seinen eigenen journalistischen Prinzipien – die Unveränderbarkeit der Welt. In ihrer lachenden Feststellung menschlicher Emanzipationsresistenz ist diese unbedingt wiederzuentdeckende Komödie lichtloser als jede Tragödie.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie.

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