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Theaterserie: Georg Kaiser : Er entflammte an einem unmöglichen Traum

  • -Aktualisiert am

Der Dramatiker Georg Kaiser, fotgrafiert von Trude Geiringer um 1930 Bild: Picture-Alliance

Wenn der König seine Mätresse im Feuer verbrennen sieht: Georg Kaisers „Brand im Opernhaus“ ist ein surrealistisch verqueres Nachtstück voller großer Komik.

          Georg Kaiser, 1878 in Magdeburg geboren, schrieb seit 1905 zahlreiche Stücke, von denen dreizehn in den Monaten nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur in Deutschland auf die Bühne gelangten. In der Folgezeit mehrten sich die Inszenierungen, und Jahr für Jahr lieferte Kaiser neue expressionistische, oft lustspielhaft gestaltete „Denkspiele“, die immer überraschend geistiges Format hatten. Mit über dreißig Titeln war er bis zum Verbot durch die zur Macht gelangten Nationalsozialisten der meistgespielte deutschsprachige Gegenwartsdramatiker.

          Dann verblasste sein Ruhm. Auch im schweizerischen Exil – er starb 1945 in Ascona – schrieb er noch viele Dramen. Bis in die sechziger Jahre wurden einige uraufgeführt und viele frühere Stücke wieder gespielt. Heute ist Kaisers dramatisches OEuvre, das neunundfünfzig Werke umfasst, nahezu vergessen. Ein besonders beklemmendes und aufregendes Denkspiel ist das 1917/18 verfasste, 1918 an den Hamburger Kammerspielen mit Fritz Kortner und Mirjam Horwitz in den Hauptrollen uraufgeführte und 1928 noch einmal überarbeitete Nachtstück „Der Brand im Opernhaus“. Es ist die gewiss spannendste dichterische Gestaltung des in Kriminalhistorie, Romanen und auf der Bühne oft dargestellten Pariser Opernbrands von 1763.

          Brandnacht in der Oper

          Kaisers Protagonist ist ein adliger Herr von „*“ (so steht es im Personenverzeichnis), der fest entschlossen ist, nachdem er gerade Sylvette, eine junge, im Kloster erzogene Waise, geheiratet hat, allem gesellschaftlichen Leben und Vergnügen zu entsagen. Einem späten Besucher, dem Vorbesitzer des Hauses, offenbart er seine „Wandlung“. Während ihres Gesprächs bricht in der nahen Oper, wo eine Ballnacht gefeiert wird, ein Brand aus. Ein Logenschließer erscheint, um zu berichten, dass sich Sylvette, die Herr von „*“ schlafend in ihrem Zimmer wähnt, in Sicherheit bringen konnte und lebt. Sie, die noch voller Lebenslust ist, war insgeheim mit ihrem Liebhaber, einem Heldentenor, zum Opernball gegangen. Durch das in der Brandnacht Erlebte bereut Sylvette ihren Leichtsinn. Auch ihr widerfährt eine „Verwandlung“, und sie bittet ihren Gatten um Vergebung. Für ihn aber ist sie „gestorben“. Um ihren Tod symbolisch zu verschmerzen, begibt er sich zur Oper, birgt eine Tote aus dem Inferno, bringt sie in sein Haus und will ihr im Garten ein feierliches Begräbnis zuteilwerden lassen. Eine Leiche betrügt niemanden mehr.

          Der Sänger-Liebhaber erscheint und berichtet, dass der König den, der seine Mätresse aus dem Feuer hole, reich belohnen wolle. Erkennungszeichen sei ein Ring. Sylvette zieht den Ring von der Hand der von ihrem Ehemann geborgenen Toten, bei der es sich offensichtlich um die Leiche der Mätresse handelt. Da ihr erneuter Versuch, Vergebung für ihren Fehltritt zu erreichen, scheitert und bei ihrem Gatten nur Hass und verzweifelten Sarkasmus auslöst, steckt sich Sylvette den Ring der Toten an ihren Finger und geht in die immer noch züngelnden Flammen der niedergebrannten Oper. Ein Buckliger bringt dann ihre Leiche zum König. Hat der Bursche mal Glück gehabt? Muss man nicht lachen?

          So erbarmungslos

          „Das Erstaunlichste bei Kaisers Stück!“, schrieb Boris Vian, der es 1953 für eine Aufführung im Pariser Théâtre Babylone neu übersetzte, „scheint mir der seltsame Kontrast zwischen dem ausgesprochen lyrischen Stil und der Konstruktion des Dramas zu sein, die eine fast ungesunde Logik hat, so erbarmungslos ist sie. Es ist die Logik einer Feuersbrunst, die wütet und heult und dabei die Gefährten einer kolossalen Orgie in den Tod reißt. Es ist die Logik von diesem in sich selbst eingemauerten Menschen und seinem Leben, das sich gleichgültig am Rande bis zum Ende der Welt erstreckt – einer bestimmten Welt, mit der er gebrochen hat, um zusammengerollt in der Leere seines eisigen und keuschen Traums zu verharren oder sich schließlich an einem noch unmöglicheren Traum zu entflammen.“

          Der Kaiser-Exeget Bernhard Diebold verwarf dieses surrealistisch verquere Nachtstück als „parfümierten Trauerfall“, obwohl doch gerade bei „Brand im Opernhaus“ Verstand, Philosophie und Erkenntnis die Basis von Kaisers Denkdramaturgie ist, nicht Wille, Gefühl und Bekenntnis. Die für Diebold unverständliche Prise schwülstiger Schauerdramatik schmälert keineswegs Kaisers Verdienst, das Theater, wie Brecht ihm 1928 attestierte, zu einer „geistigen Angelegenheit“ gemacht zu haben.

          Der Autor ist Dramaturg und Theaterhistoriker.

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