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Theaterserie: „Fuente Ovejuna“ : Wenn aus Ohren Fleischfetzen werden

Gewalttätige Frauen? Das Spanische Nationalballett tanzt das Stück „Fuenteovejuna“ nach dem berühmten Drama von Lope de Vega Bild: Picture-Alliance

Lope de Vegas Splatterstück „Fuente Ovejuna“ sollte man heute unbedingt wieder inszenieren. Und zwar nicht so wie es die 68er gemacht haben.

          4 Min.

          Manchmal wäre man ja schon froh, wenn Theaterleute auf der Suche nach neuen Stoffen einfach in die Buchhandlung gingen und ein bisschen stöberten – wenn sie nicht danach fragten, was jetzt als „gesellschaftlich relevant“ nach „Aktualisierung“ schreit, weil es die eigenen politischen Besorgnisse spiegelt, sondern sich mit nichts als Neugierde durch ein paar alte Texte treiben ließen. So würde man etwa auf ein orangefarbenes Reclam-Büchlein mit Lope de Vegas berühmtem Stück „Fuente Ovejuna“ stoßen, geschrieben vor ziemlich genau vierhundert Jahren.

          Kein verstaubter Klassiker

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Deutsche könnten den Namen des spanischen Dramatikers (1562 bis 1635) im Zusammenhang mit dem Makler Sigismund Gosch aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ kennen. Von diesem „gelehrten und merkwürdigen Menschen“ geht im Roman die Rede, er arbeite „seit seinem zwanzigsten Jahre an einer Übersetzung von Lope de Vega‘s sämtlichen Dramen“. Ihren Witz erhält die Information dadurch, dass von Lopes laut eigener Behauptung 1500 Stücken immerhin mehr als vierhundert erhalten sind. Nimmt man dann noch hinzu, dass uns das iberische fünfzehnte Jahrhundert, in dem „Fuente Ovejuna“ spielt, unendlich fern steht und das Theater des Goldenen Zeitalters mit Vertretern wie Lope de Vega, Calderón de la Barca und Tirso de Molina heutigen Theatergehern kaum noch ein Begriff ist, scheint das distanzierende Etikett schon fertig und geklebt: verstaubter Klassiker.

          Machtlüsterner Adel

          Bei diesem Stück ist das Gegenteil der Fall. Lopes Bühne ist das einfachste Ding – keine Theaterbauten, keine Requisiten, keine Szenenanweisungen außer: Einer tritt auf, einer tritt ab. Die Sache spielt in drei gesellschaftliche Sphären: bei den Monarchen Fernando und Isabella, die als „katholische Könige“ im Begriff sind, Kastilien und andere Teile des Landes mit Kreuz und Schwert zu einen; beim machtlüsternen Adel, hier vertreten durch den Großmeister des Jakobsordens und dessen brutalen Komtur Fernán Gómez; und unter den Bewohnern des Dorfes Fuente Ovejuna, das von seinem Lehnsherrn grausam tyrannisiert wird.

          Lope de Vega auf einem Gemälde um 1627
          Lope de Vega auf einem Gemälde um 1627 : Bild: Archiv

          Die Handlung ist schlicht, aber wie so oft bei Lope, dem „Monstrum der Natur“ (so sein Konkurrent Cervantes), von größter dramatischer Wucht: Der Komtur bringt das Dorf gegen sich auf, als er das Landmädchen Laurencia an ihrem Hochzeitstag verschleppt und missbraucht. Da es im spanischen Drama oft obsessiv um Konzepte von Ehre, Würde und Reinheit des Blutes geht, konnte auch Lopes Publikum verstehen, dass den Bauern von Fuente Ovejuna der Kragen platzt, gesellschaftliche Hierarchien hin oder her. Schon bei früheren Anmaßungen des Komturs hat Laurencias Verlobter mit der Armbrust auf den übergriffigen Adeligen gezielt und ihn so zum Rückzug gezwungen. Bei anderer Gelegenheit greift ein Dörfler zur Schleuder: Gegen das Arsenal berittener Streitkräfte, die ans Plündern, Schänden und Niederbrennen gewöhnt sind, bringt das Stück „Fuente Ovejuna“ erst die primitiven Waffen der Proletarier in Stellung – und dann die radikale Tat, die alles verändert.

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