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Theaterserie: „Die Wupper“ : Die lassen sich doch sagen, diese Sätze!

  • -Aktualisiert am

Ein Denkmal in Wuppertal: Else Lasker-Schüler Bild: dpa

In der bösen Arbeitermär „Die Wupper“ herrscht Hexensabbat zwischen und auch unter den Geschlechtern. Und wer, wenn nicht Else Lasker-Schüler, könnte besser davon erzählen?

          3 Min.

          „Ich kann doch nicht schlafen bei so’n Mond, der guckt so rot wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug.“ Aufgepasst, ich springe direkt rein in die Wupper! Anders ist der „Wupper“ nicht beizukommen. Denn sie mäandert durch Sprache, Bilder und Farben. Wahrscheinlich ist das der Expressionismus, der prallt auf den Naturalismus, und das wird dann Symbolismus? Nichts ist konstruiert oder fertig erzählt, vieles bleibt in Andeutungen, in der Schwebe. Was ist zum Beispiel plötzlich mit Heinrich, dem Sohn der Fabrikbesitzerin, Frau Sonntag, geschehen? Er ist mit einem Mal verschwunden, abgetaucht, aber wohin? Im 3. Akt auf dem Jahrmarkt (das Karussell dreht sich noch langsam auf die schon abgelaufene Melodie: „O du lieber Augustin, alles ist hin“) ist er die volltrunkene Hauptrolle, aber im 5. Akt ist er nur noch als Fotografie mit Trauerflor versehen anwesend. Woran stirbt der eigentlich?

          Frau Sonntag sitzt in ihrer grünen, mit Schlingpflanzen überwucherten Gartenlaube, auf einem „lila“ Ledersofa, ein offenes Buch liegt auf der Rückseite in ihrem Schoß. Wenn sie spricht, muss ich manchmal an Hedwig Courths-Mahler denken, aber das ist Absicht, da bin ich mir sicher. Ich sehe hinter ihrer Villa das blaue Pferd von Franz Marc auf der grün-roten Wiese grasen. Da bin ich mir nicht ganz sicher. Die bunten Hände der Färber, die sich zwischen den Arbeiterhäuschen tummeln, scheinen überzogen mit den Farben seiner Farbpalette. Der Vollmond steht grell am Himmel. Links von der Wupper eine Wiese – in der Ferne sieht man dampfende Schornsteine von Fabriken und anderen Häusern. Die Wupper ist zu Beginn ein verschmutzter, schwarzer Fluss im Industriegebiet, aber im 4. Akt ist sie bewegt und dunkelrot verfärbt. Auch der Mond ist rot inzwischen.

          In den Köpfen lodert die Walpurgisnacht

          Die streikenden Fabrikarbeiter singen „Denn unsere Fahn ist rot“, und Mutter Pius geht lieber ins Haus – „muss mir neutral halten, un wenn Bebel selber mir um Rat fragen tät“. Marta, die Fabrikantentochter, beklagt sich bei Frau Sonntag über das Dienstmädchen: „Eben ging Berta aus dem Haus am Zaun vorbei, in meinem Jackett und Hut, und ihre Sachen hängen an meinem Haken.“ (Die Mutter hört kaum hin) Es handelt sich um eine „böse Arbeitermär, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“. (Else Lasker-Schüler) Und was begibt sich heute, und was ist die Wirklichkeit?

          Vermutlich hätte Mutter Pius eine passende Antwort darauf. Sie hat den siebten Sinn, das dritte Auge oder was man eben sonst noch braucht, um den Überblick zu haben oder die Welt zu verstehen. Es herrscht Hexensabbat zwischen und unter den Geschlechtern. Triebe und sexuelle Abhängigkeiten peitschen die Menschen zu- und auseinander. In den Köpfen lodert fortwährend die Walpurgisnacht. Wer, wenn nicht Else Lasker-Schüler, könnte davon erzählen?

          Lieschen, das frühreife Arbeiterkindsteufelchen, die geht auch mal im Nachthemd über die Dächer, will nur den „Königsschatz, Herrn Eduard“, den jüngeren, blassen Fabrikantensohn. Er hat gerne die Wolldecke über den Knien. „Herr Eduard scheint immer aus sein Gesicht“, sagt sie. Aber aufs Lebenskarussell setzt sie sich doch mit dem betrunkenen Herrn Heinrich, dem großen Bruder, der dann absäuft, verlustig geht. Sie setzt sich auf den Leoparden, er soll aufs Lamm. Um ihren Hals baumelt ein Riesenpfefferkuchenherzichliebedich. Was dann noch geschah zwischen den beiden, wird ausgelassen. Allerdings, Lieschens Vater, der Ende des 5. Aktes aus der Bibelstunde kommt, soll Schreckliches veranlasst haben: „Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt geholt wurde, wie en Madame ihr Schoßpudel auf dem Weg zum Schlachthaus.“

          Der Nachtwind klagt wie ein Kind

          Das berichtet der gläserne Amadeus seinen beiden Blutsbrüdern, Pendelfrederech und lange Anna. Wo schlafen die eigentlich, die drei Herumtreiber? Am Waldesrand, unter Brücken, im Keller eines Arbeiterhäuschens, unter der alten Laterne, die langsam erbleicht? Sie kommen immer zu dritt, die drei „Erzengel“. Die kleckern nicht, die klotzen. Sie sagen die schönsten Sätze und tragen die tollsten Namen. Ein Endzeittriptychon. Reclamheft aufschlagen: Sie stehen mittig im Personenverzeichnis, da gehören sie auch genau hin.

          Pendelfrederech (hat immer sein Pendel raushängen, sein linkes ausgelaufenes Auge bedeckt eine schwarze Klappe): „Ich hab nix zum Leben, es hat mir zum Zeitvertreib.“ Gläserner Amadeus (legt angstvoll die Hand aufs Herz): „Un en Sprung hat es abgekriegt, es tröppelt immer.“ Lange Anna (er trägt eine Handharmonika): „Lass ens lutschen dran.“ Gläserner Amadeus: „Seid man still: es gibt noch was hinter der Düsterkeit, wart man, wenn es erst Licht wird.“ Die lassen sich doch sagen, diese Sätze!

          Ich will ja vielleicht doch nur wegen dieser drei Gestalten, dass es auf die Bühne kommt, das Stück. Na ja, auch wegen der Herren mit den grauen Zylindern, denn die sind mir so schön unheimlich. Carl Pius, der Enkel von Mutter Pius will übrigens unbedingt Pastor werden, er ist ununterbrochen am Studieren. Er will raus aus dem Arbeitersumpf hoch an die Seite der Fabrikantentochter Marta. Da wird nichts draus, das kann ich schon verraten. Frau Sonntag bleibt hart und ein mieses Aas, Dr. jur. Bruno von Simon, mit Lorgnette und dünnem Spazierstöckchen („Allright! Shocking! Shocking! Shocking---“), wird ihr Mann. Ob Carl jetzt noch die Power für ’nen Pastor hat, kann ich nicht sagen. Ende des 5. Aktes säuft er sich im Wirtshaus nieder und torkelt dann mit Lange Anna im Arm über die Brücke davon, wie zwei Totenvögel. Und der Nachtwind klagt wie ein Kind.

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