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Theaterserie: „Die Rote Mühle“ : Nur immer dem Krautgeruch nach

  • -Aktualisiert am

Die große „Menschenverderbemaschine“ Paris: „Es ist ,Faust‘ und ,Göttliche Komödie‘ im Zeitalter des Kinos“, schrieb Robert Musil in seiner Besprechung. Bild: Picture-Alliance

„Die Rote Mühle“ von Ferenc Molnár ist ein großer, ungeöffneter Koffer, in dem Cyborgs und Teufel ungeduldig auf ihren Einsatz warten. Eine neue Folge unserer Theaterserie „Spielplan-Änderung“.

          4 Min.

          Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt seines Erfolges, versuchte sich der ungarische Dichter Ferenc Molnar an einem eigenen Faust-Drama: „Die Rote Mühle“. Mit einem Schlag wollte er Dante und Goethe überbieten und sich von dem Ruf, ein Komödienschreiber ohne Tiefe zu sein, befreien. Das Ergebnis war offenbar ein riesiger Flop. In der Geschichte des Burgtheaters wird die deutschsprachige Uraufführung am 30. Januar 1924 nicht einmal erwähnt, obwohl der Intendant Franz Herterich sie selbst inszeniert hatte. Und danach hat man von keiner weiteren Aufführung gehört.

          Aber immerhin eine Kritik von Robert Musil in der „Prager Presse“ ist überliefert. Dort nennt Musil den Autor ein „Genie des Kofferpackens, der im gleichen Raum doppelt so viel unterbringt als andere Menschen, und trotzdem liegen die Sachen ungepresst und natürlich.“ Es sei die gleiche „Lockerheit der Packung“ wie bei Goethe, aber im Gegensatz zu diesem gelinge es Molnar, seinen Faust „im Gepäcknetz des Thespiskarrens“ unterzubringen, während der Faust Goethes natürlich jedes Gepäcknetz sprengt. Musil hatte für Molnar nur leicht vergiftetes Lob: „Kritische Kritiker werden vielleicht von einigen Längen und technischen Mängeln sprechen, aber was wiegt das gegen die Kunst, Dante, Goethe oder Beethoven einem Publikum erträglich zu machen, das durch Lehar verwöhnt ist.“

          Vom Fleck weg verschleppt

          Als ich den Stücktext vor vielen Jahren durch Zufall in die Hände bekam, wusste ich das, Gott sei Dank, alles nicht. So konnte ich mich unbefangen auf die Lektüre einlassen. „Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert“. Das Hauptmotiv von Brechts „Mann ist Mann“, könnte auch über diesem Stück Molnars stehen. Das war das erste, was mir auffiel. Erstaunlich: 1924, zwei Jahre vor der Uraufführung von „Mann ist Mann“ kommt am Burgtheater ein Stück heraus, das genau den gleichen Grundgedanken transportiert. Und nicht nur das, auch die Ausgangssituation ist nahezu identisch. Ein gewöhnlicher unbescholtener, vielleicht etwas naiver Mensch, der eigentlich nur gut essen wollte – bei Brecht will er sich einen Fisch kaufen, bei Molnar wartet er am Tisch auf seine Lieblingsspeise „gebackenes Kraut“ – wird vom Fleck weg in eine andere Welt verschleppt. Und beide werden dort in kürzester Zeit „ummontiert“: der eine, Galy Gay bei Brecht, wird zu einer skrupellosen „Kampfmaschine“, die für den Krieg geeignet ist, der andere, Janos bei Molnar, zu einem skrupellosen Börsenspekulanten, der für die Hölle geeignet ist.

          Seiner Zeit weit voraus: Ferenc (eigentlich Franz) Molnar

          Aber statt vergleichende Literaturforschung zu betreiben, öffne ich lieber Molnars „genial“ gepackten Koffer. Das Spiel „findet in der Hölle statt“. Der Schauplatz ist Paris. Die Zuschauer bilden gemeinsam mit dem Rex Infernus und mindestens zwanzig weiteren Teufeln und Teufelchen das Publikum für die Vorstellung und zwar die Vorstellung einer Erfindung, der Roten Mühle, „deren wissenschaftliche Bezeichnung Psychokorruptor lautet“. Diese Maschine, also eine Ausgeburt der Hölle, ist nach Jahrtausende langer Entwicklungsarbeit endlich fertig geworden und soll nun zum ersten Mal höllenöffentlich ausprobiert werden. Der „Magister“ und Erfinder erklärt das Prinzip seiner Maschine. Sie mache binnen kürzester Zeit aus einem moralisch gefestigten Menschen einen nur auf den eigenen Vorteil bedachten verantwortungslosen Egoisten, der über Leichen geht und damit zur sicheren Beute der Hölle werde. „Meine Maschine erledigt in sechzig Minuten, wozu eine Großstadt wie Paris Jahrzehnte braucht.“

          Femme fatal mit zwei Herzen

          Die „Menschenverderbemaschine“ ist eine virtuelle Nachbildung der Stadt Paris, reduziert und rationalisiert auf ihren dynamischen Kern. Interessant ist auch, dass der teuflische Erfinder mit seiner „amerikanischen Brille“ und seinem Outfit heute so wirkt, als käme er direkt aus dem Silicon Valley. Er präsentiert die Maschine und ihr zunächst noch nicht animiertes halb menschliches halb künstliches Personal. Nur die Zentralfigur des Korruptors, eine femme fatal mit zwei Herzen, genannt Mima, der ganze Stolz ihres Erfinders, darf ihr Potential schon einmal vorführen.

          Man sieht widersprüchliche Schwüre, Hassausbrüche, Verzweiflung, höchste Lust, Verschlagenheit und Geistesblitze, alles sehr virtuos, wenn auch ohne sichtbaren Anlass und Gegenüber. Mima heißt auf deutsch Schauspielerin. Die Teufel sind begeistert. Nun muss nur noch ein unschuldiger Mensch gefunden werden, der dieser Frau und dem Psychokorruptor zum Fraß vorgeworfen werden kann. Das erweist sich aber als schwierig, die meisten Kandidaten, die mit einer Art Bildtelefon angepeilt werden, scheinen eine Behandlung durch den Psychokorruptor gar nicht nötig zu haben, sie funktionieren auch so schon recht teuflisch.

          Als gar ein Politiker ins Bild kommt, kriegen die Teufel fast einen Lachkrampf, weil Politiker in ihren Augen offenbar ohnehin eine sichere Beute der Hölle sind. Endlich findet man doch noch eine passende Figur: einen jungen Förster, der seine eigene Frau liebt und sich Verführungsversuchen anderer durch Flucht entzieht, der seine alte Mutter unterstützt und dabei ein rundum zufriedener Mensch zu sein scheint. Dieses seltene Geschöpf entführen die Teufel direkt vom Mittagstisch und „beamen“ es in die Hölle. Und schmeißen es dort umstandslos in die Mühle. Der brave Förster weiß nicht, wie ihm geschieht.

          Ganz Paris spielt mit

          Hier läuft nun alles wie im Film Noir, nur im Zeitraffer. Es beginnt im Spielcasino. Nach einer Viertelstunde hat Janos bereits einen schweren Betrug begangen, die Ehe gebrochen und seine Kinder verleugnet. Jede Sünde wird von der Maschine durch ein Klingelsignal angezeigt. Mima, die Spielerin, verwickelt ihn mit ihrer dämonischen Leidenschaft und ihrer Intelligenz permanent in Situationen, die mit einfachen Moralvorstellungen nicht zu lösen sind. Ganz Paris spielt mit. Der Cursus hat Erfolg. Am Ende ist die Versuchsperson Direktor der Pariser Börse, unendlich reich – und ein Schwein. Die Teufel jubilieren.

          Aber dann geht doch noch alles schief. Wegen einer „platten Sentimentalität“, die hier nicht verraten werden soll, scheitert das ganze Experiment. Die Teufel sind geschockt. Janos hat dem letzten vorgesehenen ultimativen Verbrechen, völlig überraschend, widerstanden und sich zu so etwas wie einer „moralischen Tat“ aufgeschwungen. Die Cyborgs fallen andächtig vor ihm auf die Knie. Der Psychokorruptor hat versagt. Janos genießt „den göttlichen Funken“, der offenbar in ihm steckt. Aber nur einen kurzen schönen Augenblick. Denn eigentlich hat er die Schnauze voll. Er will nur noch nach Hause – zum Mittagessen. Aber er hat die Orientierung verloren und weiß den Weg nicht. „Unterwürfig den Hut lüftend“ fragt er einen Teufel nach dem Ausgang. Und der antwortet nicht ohne Sarkasmus: „Gehen Sie nur immer dem Krautgeruch nach!“ Und der Held des Abends verlässt „schnüffelnd“ die Bühne. Koffer zu.

          „Es ist ,Faust‘ und ,Göttliche Komödie‘ im Zeitalter des Kinos“, schrieb Robert Musil nach der Uraufführung. Und heute zeigt sich noch mehr, nämlich, dass dieses Stück seiner Zeit so weit voraus war, dass man es damals einfach noch nicht richtig würdigen konnte. Es ist „Film noir“ und „digital world“ avant la lettre. Und es überwindet bereits das damals erst im Entstehen begriffene Brechtsche Modell der Verfremdung, indem es Verfremdungstechniken zum Teil der Handlung werden lässt. Und es zeigt, das die femme fatal eine Erfindung männlicher Teufel ist. Und das sind noch längst nicht alle Sachen, die „ungepresst und natürlich“ in diesem Koffer liegen.

          Der Verfasser ist Dramaturg und Autor.

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen.

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