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Theaterserie: August Kotzebue : Nimm du ihn doch!

In unseren Tagen vergessen, aber zu seiner Zeit viel gespielt: August von Kotzebue (1761-1819) Bild: Picture-Alliance

August von Kotzebue war der meistgespielte Dramatiker der Goethezeit. Sein Ruf war und ist schlecht. Aber sein Stück „Üble Laune“ lohnt die Wiederentdeckung.

          2 Min.

          Natürlich ist man gewarnt. Über die Werke August von Kotzebues urteilten schon die zeitgenössischen Literaten äußerst ungnädig, und auch die späteren Herausgeber des Mannes, der morgen vor zweihundert Jahren von einem Wirrkopf als Feind der Freiheit und russischen Spion erdolcht wurde, ließen lange Zeit kein gutes Haar an ihm: Literarisch ganz ohne Wert seien seine Stücke, man gebe sie nur heraus, um im Kontrast die Meisterwerke anderer Autoren besser würdigen zu können – nur, leider, das Publikum sei auf Kotzebues Werke damals ganz versessen gewesen. Denn bühnenwirksam waren sie schon.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Ob das noch heute gilt, wüsste man gern. Immerhin kann man hin und wieder „Die deutschen Kleinstädter“ sehen, die übrigen von Kotzebues gut zweihundert Stücken, darunter auch das seinerzeit überall aufgeführte und nachgeahmte „Menschenhass und Reue“, sind aber verschollen. Die Gründe dafür wurzeln sicher nicht nur in platten Handlungen mit Witzen, die nicht mehr recht zünden (aber, auch das ahnt man, in einer anderen Zeit durchaus Beifall fanden), sondern auch darin, dass viele Stücke auf damalige Diskussionen reagieren, die uns heute fremd geworden sind.

          Aparte Seitenwege

          Trotzdem – wenn man in Kotzebues Stücken liest, wird man oft genug sein Vergnügen haben, weil der so sehr in seiner Zeit und im Geschmack seiner Zeitgenossen verhaftete Mensch zugleich immer wieder darüber hinausweist und in Stücken, die anfangs rein erwartbar abzuschnurren scheinen, aparte Seitenwege einschlägt.

          „Üble Laune“ von 1799 ist ein herausragendes Beispiel. Eine Komödie, in der ein verwitweter Geheimer Rat, der aus der Residenz aufs Land gezogen ist und dort nun mit seinem Bruder Tobias und seiner Schwester Ulrike lebt, seine Tochter Therese an den Obristen, einen alten Jugendfreund, verheiraten will und schließlich in deren Hochzeit mit einem jungen Mann einwilligen muss – all das war schon damals keine originelle Konstellation auf der Bühne.

          Himmelschreiender Egoismus

          Kotzebue weiß das natürlich und unterläuft daher das abgeschmackt Sentimentale, indem er die wichtigsten Figuren, vor allem die beiden alten Freunde, mit einem himmelschreienden Egoismus ausstattet, der jede Wendung der Handlung überdauert. Der Obrist will Therese heiraten, weil er hoch verschuldet ist, und als er erfährt, dass sie bereits in einen jungen Hauptmann verliebt ist, beeindruckt ihn das so wenig wie die Tatsache, dass sich der Rivale als sein totgeglaubter Sohn entpuppt, und auch Thereses Vater mag sich in den Hochzeitsplan nicht hineinreden lassen. Vor den Verwandten rühmt er die Bräutigamsqualitäten seines alten Freundes so sehr, dass sein Bruder ihm irgendwann die fällige Frage stellt, warum eigentlich er selbst den Obristen nicht eheliche?

          Derlei Stolpersteine stehen allen Tendenzen zum Gefälligen entgegen, ebenso wie die schwankenden Stimmungen des Geheimen Rats, sein Ätzen gegen die von ihm abhängigen Geschwister, die ihn zu nehmen wissen, sich aber auch nicht alles bieten lassen, und schließlich die zwischenzeitliche Reue des Misanthropen – all dies lässt einen Abgrund erahnen, der eine überzeitliche Wirkung hat. Denn in seinem Geheimen Rat zeichnet Kotzebue das Bild eines Menschen, der sich nach Harmonie sehnt und nicht harmonisch sein kann, der in seinen mit ihm alt gewordenen Geschwistern die Zeugen seiner eigenen Kindheit liebt und sie zugleich von sich stößt, der von seinen Stimmungen gebeutelt ist, zur Ruhe kommen will und doch wehrlos allem ausgeliefert ist, was in ihm brodelt. Man würde gern heute auf der Bühne sehen, was das in unserer Zeit bedeuten könnte.

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