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Dramatiker Peter Hacks Bild: dpa

Theaterserie: Peter Hacks : Schicksal, Sie übertreiben

Viel zu selten wird „Senecas Tod“ aufgeführt, dabei kriegt doch der Dramatiker Peter Hacks mit Humor selbst die Dümmsten rum. Was mehr sollte Kunst wollen?

          Der Denker Seneca empfängt die Anordnung des Kaisers, er solle sterben. Das Stück „Senecas Tod“ von Peter Hacks handelt davon, dass dieser Befehl den Denker nicht stärker beeindruckt als nötig. Er steckt nämlich nicht in enger persönlicher Todesangst fest („Auch gestern war mir, dass ich sterben muss, bekannt“) und überblickt mehr als seine Bühne: „Wie weit wir sind. In jedem Land, wohin du hörst, setzt es drei Wochen Folter für Philosophie.“ Der schöne Ton historischer Ironie („es kommt nicht so sehr drauf an“, hat Hacks an anderer Stelle definiert, was Weisheit im überunterrichteten Medienzeitalter sein kann) verbietet es, dieses Drama in dummer Aktualisierungsabsicht fehlzuinszenieren. Denn die Sprache, die hier gesprochen wird, wischt mögliche westfromme Regieplattheiten zur Menschrechtslage in China oder sonstwo weg, sie weiß mehr als Nachrichten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Schwerer als deren Zumutungen allerdings sind die Freunde und die Frau des Helden abzuwehren, wo dieser Held im Sterben Haltung zeigen will. Eine modische Schreitragödie hätte daraus ein Beziehungskistenrennen gemacht, aber Hacks schreibt „das Deutliche durch Flinkheit zart“ – und wie gerecht und großzügig wäre es, würde man Schauspielerinnen und Schauspielern ausnahmsweise erlauben, auf dem Niveau zu spielen, auf dem das geschrieben ist. Paulina, Senecas Gattin, darf, weil die Stücksprache selbst so schön ist, mit Recht die Frage stellen: „Warum soll Geist der Schönheit vorgezogen sein?“, und Hacks lässt den Todgeweihten mit einer prima faustdicken Lüge zugunsten des Geistes erwidern: „Er wächst ja bis zum Tod.“ Selbst beim Flunkern befinden wir uns bei diesem Drama also im Idealen, nur nebenbei auch im Politischen und Historischen.

          Na gut, es ist schon ein Stück über Nikolai Bucharin. Der war, wie Hacks ihn sah, zwar oft ein Schlingel, erst weit links, dann weit rechts vom Schwerpunkt der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der er angehörte. Als Stalin ihn dann aber aus Staatsräson hinrichten ließ, erklärte sich der Verurteilte zum Schluss noch einmal zugunsten der Partei, die ihm das antat. Diese Erklärung, das ist die Pointe, nahm Hacks ihm ab und schob sie auf dem unausgesprochenen Umweg über Berlin, Hauptstadt der DDR, nach Rom, damit nicht alle gleich merken, worum es geht, nämlich um eine Hauptfigur, die sagt: Wenn ich schon weg muss, dann aber so, dass klar ist: Ich hege keinen Groll gegen die Geschichte, denn das tun nur Leute, die in Stimmungen denken. Dass Hacks Dramatik lieber mit Gedanken als mit Stimmungen motivierte, aus tiefen, nicht nur marxistischen, sondern auch konstitutionellen Gründen, über die man vor Publikum und en présence des enfants nicht sprechen soll, heißt allerdings keineswegs, dass sein Drama unbeweglich, träge oder kopflastig gewesen wäre. Eine geradezu schmerzhaft dynamische Konterposition zum Helden nimmt zum Beispiel im Seneca-Stück ein Handwerker ein, dessen Gewurstel ihn zur vollkommenen Chance für Bewegungsspiele quer durch die heute theatertypischen Medienmöglichkeiten macht (am Gescheitesten projiziert man ihn, damit er durch die Projektion brechen und sie, wie überhaupt alle Ordnung im Stück, lehrreich kaputtmachen kann). Nimmt eine Inszenierung solche im Text und Personenbestand angelegten Unterhaltungsoptionen an, verzeiht man ihr vielleicht sogar die eventuell ein bisschen anspruchsvolle Auseinandersetzung mit einem Gedanken über das Verhältnis von dramatischer Kunst und Politik, dem Hacks sehr zugetan war, weil er ihn bei Betrachtungen über Shakespeare und Voltaire gewonnen hatte.

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          Man wird diesen Gedanken im Spiel entfalten und kritisieren müssen, denn er ist im Gegenwartsdeutschland überholt. Es handelt sich um die Idee, dass großes Theater und große Kritik bei Hofe oder wenigstens nah am Zentrum der politischen Entscheidungen geschaffen, erlebt und empfangen werden müssten. In unseren Tagen zieht die kritische wie die belletristische und dramatische Schreiberei spätestens mit dreißig nach Berlin, sofort passiert ihr eine witzige Glosse nach der anderen, bald funkt kein Gedanke mehr dazwischen und ein halbes Jahr später hat sich das Talent totgetweetet. Der Rest sind Gesten (Lesedauer: 3 Minuten), oft ironische oder, noch langweiliger, empörte. Dass Autorschaft in Berlin heute wieder so schnell verkommt wie im Paris von Balzacs Romanen, heißt allerdings nicht, dass man nach Freiburg oder ins Internet ausweichen müsste. Berlin hätte Kunstchancen, wenn man dort nur einsehen und zugeben würde, dass man, gemessen an Peking, Provinz ist. Provinz kann lustig sein, und lustig gibt’s immer auch klug. Das ernst zu nehmen wäre ein Gesellschaftsspiel, bei dem man die Grenzen von Freundschaften und Arbeitszusammenhängen erkennen und belasten könnte wie an der Stelle in „Senecas Tod“, wo ein Freund namens Flavus dem Helden unverlangt Beistand anbietet, worauf der seufzt: „Schicksal, Sie übertreiben.“ Cliquen, Kneipen, Ausschüsse und Redaktionen, in denen alle das Gleiche denken oder schreiben (und, schlimmer: auf demselben Niveau), sind die Antipoden einer kunstgerechten Bühnenwelt, und dieses Stück macht sich daher so scharf wie unverbissen drüber lustig.

          Ein Theater, das diesen Text seinen Gewohnheiten anpassen will, könnte sich dabei blamieren – man soll das, was man überschreibt, ja nicht unterbieten, aber zeitgemäße Mittel dürfen immer sein, selbst wenn man das Gespenst im „Hamlet“ früher ohne Beamer hingekriegt hat. Man nehme es jedoch mit dem Wortlaut auf, wo möglich, und wenn man sich’s zutraut, darf man den Amphitryon von Plautus so überschreiben wie Molière, den von Molière so wie Kleist und den von Kleist so wie Hacks. Bei Tradition geht es darum, zu wiederholen, was, wie Tragiker sagen würden, kein Publikum je verstehen wird. Hacks zog solcher Tragik freilich Komödien vor. Das Lachen ist ein sinnliches Vermögen des Verstandes; es kriegt selbst die Dümmsten rum, wo es sie per Witz dazu bringt, zu vergessen, dass sie dumm sind. Was mehr sollte Kunst wollen?

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