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Theaterserie: Karl Schönherr : Wer nicht mitleiden kann, braucht nicht zuschauen

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Sie stehen auf, weil es um Alles geht: Die sogenannten „Gelbwesten“ demonstrieren in Paris so wie in Karl Schönherrs Stück gegen die erbitterte Ungerechtigkeit der Mächtigen Bild: dpa

Aufstehen, bitte: Der streitbare Politpublizist und Dramaturg Bernd Stegemann erklärt, warum Karl Schönherrs Fluchtdrama „Glaube und Heimat“ das Stück der Stunde ist.

          4 Min.

          Im Jahr 1837 wurden 427 Zillertaler Protestanten von der katholischen Mehrheit vertrieben. Das war die letzte Ausweisung von Andersgläubigen in Europa, die aus dem Schisma der christlichen Religion folgte. Protestanten und Katholiken haben seither ihren Konflikt weitestgehend befriedet, und heute ist wohl keinem Christen mehr ersichtlich, wie der Streit ums Abendmahl Millionen Menschen den Tod bringen konnte. Warum schrieb Karl Schönherr dann noch 1910 sein Drama „Glaube und Heimat“, in dem die Vertreibung der Zillertaler Protestanten in aller Drastik vorgeführt wird, und warum müssen wir es heute aufführen?

          Vor aller Augen erschlagen

          In der „Tragödie eines Volkes“, wie der Untertitel lautet, wird die Geschichte der Bauernfamilie Rott erzählt, die vom Schisma gespalten ist. Der Großvater und seine Söhne sind Protestanten, die, weil schon der eine Sohn des Landes verwiesen wurde, ihren Glauben nur noch im Verborgenen ausleben. Als die katholischen Reiter Haus für Haus nach protestantischen Bibeln durchsuchen, leugnen sie wie all die Jahre zuvor ihren Glauben. Doch als die Nachbarin vor ihren Augen erschlagen wird, weil sie das Gebetbuch nicht hergeben will, hält der Sohn es nicht mehr aus und bekennt sich. Damit ist auch das Schicksal seiner Familie bestimmt, sie müssen am kommenden Tag ihren Hof verlassen und in die Fremde ziehen.

          Höchster Akt der Grausamkeit

          Während die Ausweisungen voranschreiten und die einst sesshaften Mitbürger zu landlosen Flüchtlingen werden, kauft der reichste Bauer alle Höfe zu Spottpreisen auf, um seine immer größer werdende Nachkommenschaft mit eigenem Land zu versehen. Als die Rott-Familie schließlich als letzte vertrieben wird, soll ihnen als höchster Akt der Grausamkeit ihr Kind weggenommen werden. Es soll nicht bei den Falschgläubigen aufwachsen. Der Junge reißt sich jedoch los und springt in seiner Verzweiflung in den Mühlenbach, wo er ertrinkt.

          Ein verzweifelter Sprung

          Karl Schönherr bedient sich offensichtlich beim Genre des Melodramatischen. Er sucht die Effekte der emotionalen Überwältigung, deren Aufbau er kalkuliert immer weiter steigert. So beginnt die Geschichte der Vertreibung mit zwei Hühnern, die die Nachbarin vor ihrer Abreise zurücklassen muss und die von der Rott-Bäuerin abgewiesen werden, weil sie ihre Herde nicht mit lutherischen Hennen verunreinigen will. Kurz darauf wird dieselbe Nachbarin erschlagen, deren Finger die Lutherische Bibel so umkrampfen, dass der Soldat sie ihr nicht aus den Fingern winden kann. Und das Drama endet schließlich mit dem verzweifelten Sprung des Jungen, der von seinen Eltern getrennt werden soll. Wessen Tränen nicht schon bei den heimatlosen Hühnern fließen, der wird spätestens beim Tod des Kindes von der Grausamkeit angefasst sein.

          Streitet für die soziale Frage: Der Publizist und Dramaturg Bernd Stegemann
          Streitet für die soziale Frage: Der Publizist und Dramaturg Bernd Stegemann : Bild: Reuters

          Nun hat spätestens seit Brechts Angriffen auf das bürgerliche Einfühlungstheater das Melodramatische keinen guten Ruf mehr. Mit seinem Verdikt, man solle im Theater nicht so romantisch glotzen, ist die Träne verdächtig geworden. Und tatsächlich lässt sich im Spannungsfeld zwischen der Hitze der Schönherr-Effekte und der Kälte der brechtschen Analysen der politische Raum des Theaters ermessen, der mit Lessings Dramaturgie der Rührung begann. Mit seinen bürgerlichen Trauerspielen begann das Theater seine Erfolgsgeschichte als Ort der Selbstvergewisserung einer neuen Klasse, die ihre Gefühle kultiviert. Mitleid zu erzeugen war die vordringlichste Absicht diese neuen Dramengattung und Mitleid zu empfinden die erste Zuschauerpflicht.

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