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Theaterserie: Hans Henny Jahnn : Befreit uns von der Dekonstruktionsdiktatur!

  • -Aktualisiert am

Probenszene mit Eva-Maria Hagen als „Medea“, aufgeführt am 12.10.1994 im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater Bild: Picture-Alliance

Hans Henny Jahnns düstere Bearbeitung der Urtragödie „Medea“ streckt dem Juste Milieu der etabliert Postmodernen den Mittelfinger entgegen und brüllt: Erkennt Euch selbst!

          Pathos. Das ist so ein heikles Wort im deutschen Gegenwartstheater (und nicht nur im Theater). Als wäre das Wort giftig und man würde sich den Mund verbrennen, wenn man es ausspricht. Der Ursprung des Wortes liegt im Griechischen, das Wort hat zwei Bedeutungen und keine davon erscheint mir negativ oder abwertend: die eine bezieht sich auf das Erleben als solches und die andere meint Leidenschaft. Im Gegenteil: Beide Begriffe scheinen mir unabdingbar für die Kunst und ganz besonders für das Theater. Mag sein, dass der Schrecken der Deutschen Geschichte eine große Angst vor diesem Wort hinterlassen hat, aber seit geraumer Zeit stelle ich eine große Diskrepanz zwischen dem Publikum und den Theatermachern fest: Erstere wollen von der Ironie- und Dekonstruktionsdiktatur befreit werden, wollen auf der Bühne etwas sehen, das sie berührt, schlichtweg etwas „erzählt“ bekommen (auch kein Wort, vor der man Angst haben sollte!). Letztere bekommen Atemnot, sobald sie „Unterhaltung“ wittern. Als würde die Kunst einen reinen Kopfgenuss darstellen und jedes emotionale Erleben wäre eine Schmach für den Intellekt.

          Keine Kunst ohne Erleben

          Ich jedenfalls glaube an keine Kunst ohne Erleben. Und außerdem fand ich schon immer, dass die deutsche Sprache die nötige Tiefe und Schärfte bietet, um Pathos aufzufangen und daraus Schönheit zu kreieren. Zum Beispiel könnte ich in meiner Muttersprache – dem Georgischen -, die schon per se lyrischer und viel umschreibender ist als das Deutsche – niemals den gleichen Pathos zumuten, denn es würde sofort ins Schwülstige abdriften.

          Orgelbauer und Schriftsteller: Hans Henny Jahnn bei der Verleihung des Lessing-Preises am 20. Juni 1956 in Hamburg

          Deswegen habe ich immer jene deutschsprachigen (Theater-)Autoren ganz besonders bewundert, die so mutig waren, Grenzen zu überschreiten und dabei den ungeschriebenen Gesetzen des „guten Geschmacks“ der so genannten intellektuellen Elite den Mittelfinger zeigend. Ob es Kleists Wahnsinn ist oder die früheren Werke eines Helmut Kraussers – ich liebe diese Autoren der Sprachlabore, wie ich sie nenne, als würden sie die gängigen Satzkonstruktionen und Wortschöpfungen in Reagenzgläsern mit etwas Unerklärlichem mischen und eine ganz neue Sprache herausdestillieren. Vielleicht liebe ich die Literatur zu sehr, um Autoren eine farblose, alltägliche, banale Sprache zu verzeihen.

          Von Seneca bis Loher

          Und deswegen Jahnn. Dieser in allem aus der Reihe tanzende Orgelbauer, Hormonforscher, Landwirt und Dichter. Spätestens seit Euripides gehört Medea zu den faszinierendsten Frauengestalten der Theatergeschichte. Schon Schiller wusste: „Wenn keine Moral mehr gelehrt wird, keine Religion mehr Glauben findet, wenn kein Gesetz mehr vorhanden ist, wird uns Medea noch anschauen, wenn sie die Treppen des Palastes herunter wankt und der Kindermord jetzt geschehen ist ...“ Von Seneca bis Anouilh, von Müller bis Loher – sie alle haben sich an diesem ewigen Drama einer schonungslos Liebenden, der ewigen Fremden, der Zauberin abgearbeitet. Aber Hans Henny Jahnns „Medea“ sticht aus allen Bearbeitungen wie eine Wunde hervor. Nicht nur aus dem Grund, den er selbst darlegt: „Mein Drama ist archaischer als die Tragödie des Euripides. Neben das urtragische Problem, dass die Kinder gebärende Frau an der Seite eines jugendlichen Mannes früh altert, tritt das immer noch gegenwärtige Problem des Rassengesetzes. Jason ist Grieche. Medea Negerin. Kolchis liegt in Afrika.“ Sondern, weil er sich traut, seine Figuren solche Sätze sagen zu lassen: „ Du darfst mich töten, wenn du mich nur liebst.“

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