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Theaterserie: Shaws „Saint Joan“ : Mit Heiligen leben kann niemand!

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Annemarie Steinsieck in einer Inszenierung von Shaws „Heiliger Johanna“ am Wiener Volkstheater 1924 Bild: Picture-Alliance

Ist die „Heilige Johanna“ eine Frau, die Weltgeschichte ändert und schließlich von Männern abgeurteilt wird, oder eine religiöse Fanatikerin? Warum Shaws Stück nicht zum Lesedrama verkommen darf. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Es braucht nicht viel, um Klassiker für die Gegenwart lebendig zu machen, denn dass sie die Möglichkeit dafür in sich tragen, macht sie ja zu Klassikern. Ich hatte geglaubt, George Bernard Shaws Theaterstück „Saint Joan“, das ich etwa mit zwanzig gelesen hatte, wäre ein heute nicht mehr besonders interessanter Teil eines verstaubten Kanons. Dann aber sah ich das Stück im Mai letzten Jahres in der Inszenierung von Daniel Sullivan im New Yorker Friedman Theatre, vor ausverkauftem Haus, auf dem Höhepunkt der „Metoo“-Bewegung. Keine opulente Produktion: Die Bühnenbilder waren zu Andeutungen reduziert, die Kostüme der Schauspieler unauffällig, alles konzentrierte sich, wie im angelsächsischen Theater üblich, auf die Leistung der Schauspieler. Im Zentrum verlieh Condola Rashad Johanna eine fröhliche Energie, eine Kraft und eine blitzende Intellektualität, die plötzlich wieder das ganze anarchische Potential dieses Schriftstellers spüren ließ.

          Shaw läßt keinerlei Autorität gelten. Darin lag einst das explosiv befreiende Potential seiner Stücke, aber ganz abgestumpft sind sie noch immer nicht. Der Dauphin, den Johanna zum König macht, ist klug, aber ein armer Wicht, die Inquisitoren und Richter sind noch klüger, aber sie sind im Unrecht, und Johanna ist zwar die Allerklügste, aber zugleich ist sie in ihrer Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, eine Zumutung für jedes politische System; an wen also soll man sich halten? An niemanden, so Shaws Antwort; keiner hat hier ganz recht, und zugleich hat jeder – der König, die Richter, die lästige Heilige – recht auf seine eigene, eingeschränkte Art.

          Shaws Stil ist weniger geprägt durch Komik – Pointen gab es weit weniger, als ich in Erinnerung hatte – als durch seine jede Zeile durchdringende Intelligenz. Wie auch die Stücke von Oscar Wilde oder Tom Stoppard spielen Shaws Werke in einem Paralleluniversum der intelligenten Leute, in dem es wirklich alles gibt, nur keine Idioten. Zugleich aber, und auch das hatte ich beim Lesen nicht recht bemerkt, ist Shaw ein Erzähler mit Gefühl für Spannungsbögen und menschliches Schicksal, für echtes Glück und wahre Tragik. Jeder im Theater kannte wenigstens in Grundzügen Johannas Geschichte, und dennoch saß man gebannt, als Condola Rashad ungebeugt vor den alten Männern stand, und man war schockiert und berührt, als sie dann doch zusammenbrach und dann wiederum das Angebot ausschlug, den Tod in den Flammen einem lebenslangen Kerker vorzuziehen, und ins Feuer geführt wurde. Es passiert nicht oft, dass unverstellter Pathos auf der Bühne sein Recht bekommt, aber hier funktionierte es gerade deshalb, weil das Stück bisher so leicht und witzig und prickelnd intellektuell gewesen war, dass nun der tragische Umschlag um so größere Wucht hatte.

          Größe durch Widersprüchlichkeit

          Und dann? Beim Lesen hatte ich den Schluss für ein blasses Nachspiel gehalten. Die Protagonisten treffen sich Jahrzehnte später und diskutieren die Ereignisse. Auch die tote Johanna ist dabei, längst rehabilitiert, während ihre Richter entehrt und bestraft sind – doch statt ihren Triumph auszukosten, bietet sie unversehens an, ins Leben zurückzukehren. Soll sie noch einmal aufstehen, fragt sie, das Schwert ziehen, für den Glauben kämpfen? Entsetzt lehnen alle ab: Es sei großartig, Heilige zu verehren, aber mit Heiligen leben könne wirklich niemand!

          Die größte Überraschung war für mich, wie gut dieser letzte Akt auf der Bühne funktioniert. Hier erwies er sich nicht als Nachsatz, sondern als der springende Punkt: Die Ereignisse liegen in der Vergangenheit, Hegels Eule der Minerva beginnt ihren Flug, die Figuren selbst kommen zum Bewusstsein des epochalen Dramas, in dessen Mitte sie standen. Sie werden sich selbst historisch und kommentieren ihre Rolle in den Ereignissen. Das ist witzig, noch mehr aber ist es melancholisch – die große Traurigkeit darüber, dass man die Dinge immer erst versteht, wenn man seine Fehler nicht mehr gutmachen kann, und dass man, wenn man sie gutmachen könnte, das eigentlich gar nicht will.

          Um die Aktualität von „Saint Joan“ steht es kompliziert. Instinktiv empfindet man die Geschichte dieser Frau, die die Welthistorie ändert und dann von Männern abgeurteilt wird, als relevant, und nichts könnte zeitgemäßer sein als Johannas aufrührerische, fröhliche Wut. Zugleich könnte man aber den Standpunkt vertreten, dass sie eine religiöse Fanatikerin ist, ebenso wie man die Frage stellen könnte, warum Gott der Allmächtige sich dafür interessieren sollte, dass das Land von einem französischen und keinem englischen König regiert wird. In dieser Lesart steht Johanna für den Wahn des Nationalismus, für eine Verblendung, die bis in unsere Zeit fortwirkt. All diesen Fragen verschließt sich Shaws Meisterwerk nicht, gerade in seiner reichen, belebenden Widersprüchlichkeit entfaltet es sich zu voller Größe. Man sollte es nicht zum Lesedrama verkommen lassen. Es gehört aufgeführt.

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