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Video-Theaterserie – Folge 3 : Geschlechterkampf über die Jahrhunderte

Theaterkritiker Kevin Hanschke bespricht in dieser Folge u.a. mit Drag-Queen Nina Queer die Fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Bild: Florian Hofmann

Was eine Draqqueen mit einem Stück aus dem neunzehnten Jahrhundert anfangen kann: George Sands dramatischer Roman „Gabriel“ in der neuen Video-Theaterserie.

          1 Min.

          In der dritten Folge der F.A.Z. Video-Theaterserie „Spielplanänderung“ geht es um George Sands Stück „Gabriel“. Der bislang noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman in dramatischer Form, erstmals veröffentlicht im Jahr 1839, handelt vom jungen Gabriel, der in eine adlige Familie geboren und als Thronfolger aufgezogen wird, bis er als Teenager erfährt, dass er eigentlich eine Frau ist und Gabrielle heißt. Um sich an ihrer Familie zu rächen, schließt sie einen Pakt mit ihrem Cousin Astolphe, der im Laufe des Stückes auch ihr Geliebter wird. Ein Travestiespiel beginnt, das konventionelle Geschlechterrollen auf den Kopf stellt und vom Freiheitskampf einer jungen Adligen handelt. Für seine Entstehungszeit überraschend unumwunden stellt das Stück jene grundlegenden Fragen nach Geschlecht und Identität, die gerade heute wieder unsere gesellschaftliche Debatten prägen.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.
          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Die freie Autorin Annabelle Hirsch, die „Gabriel“ in einem Pariser Antiquariat entdeckte und das Stück im vergangenen Jahr in dieser Zeitung vorstellte, vergleicht im Video-Interview mit Kevin Hanschke den emanzipatorischen Charakter der Hauptfigur mit dem der Autorin: George Sand, die eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hieß, musste sich eine Zeit lang selbst als Mann verkleiden, um in Paris als Schriftstellerin arbeiten zu können.

          Nina Queer entdeckt im Theaterstück „Gabriel“ erstaunliche Parallelen zu ihrem eigenen Leben
          Nina Queer entdeckt im Theaterstück „Gabriel“ erstaunliche Parallelen zu ihrem eigenen Leben : Bild: Matthias Lüdecke

           

          Am Tresen einer Berliner Bar erklärt dann die Filmregisseurin Laura Laabs, warum ihr das Stück insbesondere auch wegen seiner kapitalismuskritischen Elemente imponiert und imaginiert, wie sie es als kritische Parabel auf überdauernde Macht- und Herrschaftsverhältnisse inszenieren würde. Die bekannte Drag-Queen Nina Queer gibt schließlich im Kreuzberger Nachtclub „Musik und Frieden“ Auskunft darüber, welche Gemeinsamkeiten sie zwischen ihrem eigenen Lebensweg und der Geschichte der jungen Adligen sieht. Ähnlich wie für Gabrielle, bot die Verkleidung ihr einen Fluchtweg aus den Zwängen der Konvention. „Ich für meinen Teil spüre nicht, dass meine Seele ein Geschlecht hat, entgegen dem, was sie mir beweisen wollen“, sagt Gabrielle, nachdem sie herausgefunden hat, dass sie nicht der ist, für den sie sich hielt. Nina Queer kommentiert lachend: „Ihre und meine Geschichte spielen zwar in ganz anderen Jahrhunderten, aber es ist immer noch der gleiche Scheiß“.

          Alle Folgen der neuen Video-Theaterserie finden Sie hier

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