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Video-Theaterserie – Folge 4 : Europa ist ein Funken im Pulverfass

  • -Aktualisiert am

Kevin Hanschke führt durch die letzte Folge unserer Video-Theaterserie, in der wir über die Unsicherheit von Theater in Zeiten der Pandemie sprechen. Bild: Florian Hofmann

Poetisch-politische Dringlichkeit, die aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt wurde: „Automatenbüfett“ von Anna Gmeyner in unserer Video-Theaterserie mit Sasha Marianna Salzmann, Barbara Frey und Zino Wey.

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          In der vierten und vorletzten Folge der F.A.Z. Video-Theaterserie „Spielplanänderung“ geht es um das „Automatenbüfett“ von Anna Gmeyner. Das tragikomische „Volksstück“, das als Sittengemälde einer Kleinstadt in der Endphase der Weimarer Republik angelegt ist und erstmals 1932 uraufgeführt wurde, entstand in einer politischen und gesellschaftlichen Krisenzeit. Kleinkriminelle, korrupte Politiker, Kleinbürger und Ehebrecher treffen sich im neu eröffneten „Automatenbüfett“, einer Lokalitȁt zwischen Tante Emma- Laden und Gaststȁtte. Das Bier wird frisch gezapft, die Leberwurst aus dem Selbstbedienungsfenster ist so deftig wie die Stammtischgespräche im holzvertäfelten Interieur. Gmeyner, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihres kommunistischen Engagements ins Exil flüchten musste, entwarf ihr Stück als Psychogram eines kleinbürgerlichen Milieus, das nicht weiß, wohin es sich wenden soll: Hin zum aufkommenden, alle Gemüter erhitzenden Nationalismus oder zur unaufgeregten Heimeligkeit des lokalen Vereinslebens.

          Ensemble, die Lust auf Saltos haben

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Die Ängste vor dem sozialen Abstieg, die Kämpfe extremer Parteien und die Beschäftigung mit der Identitätskrise einer kompasslosen Mittelklasse beschäftigen auch unsere Zeit. Die Autorin und Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann, die das Stück im letzten Jahr in dieser Zeitung vorgestellt hat, beschreibt im Interview mit Kevin Hanschke, wie eine zeitgenössische Inszenierung des „Automantenbüfetts“ aussehen könnte. Sie verweist auf die versteckte Kritik an Autoritarismus und Populismus, aber auch auf den urkomischen, einem Horvath ebenbürtigen Sprachwitz. Was es ihrer Meinung nach für eine gelungene Inszenierung brȁuchte, wȁre ein Ensemble, „das Lust hat, auf ein paar Saltos“.

          Ein solches hat sich Im Wiener Akademietheater kurz vor dem erneuten Kulturlockdown zusammengefunden, um Gmeyners Stück erstmals seit Jahrzehnten unter der Regie von Barbara Frey wiederaufzuführen. Im Zoom-Interview vergleicht Frey es mit dramatischen Texten von Marieluise Fleißer und spricht über die Herausforderungen, vor die die Pandemie die Theaterwelt gerade stellt. Auch der Schweizer Regisseur Zino Wey, der Gmeyners Text voraussichtlich im Mȁrz in Lübeck auf die Bühne bringen wird, kommt zu Wort und schwȁrmt von der politisch-poetischen Dringlichkeit des Stoffes.

          Es ist an der Zeit

          Gmeyner, die für das bürgerliche Theaterpublikum zu „kommunistisch“ und für die Kommunisten zu „jüdisch“ war, ist nicht einfach in Vergessenheit geraten. Sie wurde aus dem Gedȁchtnis verdrȁngt. „Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann“, heisst es an einer Stelle des 1933 verbotenen Stücks prophetisch. Gmeyner starb 1991 vergessen in Großbritannien. Es ist an der Zeit, sie zurück in unser Gedächtnis zu rufen.

          Alle Folgen der neuen Video-Theaterserie finden Sie hier.

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