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Sopranistin Edita Gruberová : „Ich regiere nicht mehr. Geht!“

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Die Königin der Koloratur als Königin von England: Elisabetta (Edita Gruberová) im Moment ihrer Abdankung. Bild: Wilfried Hösl

Königin der Nacht: Nach 51 Jahren und einer der längsten Gesangskarrieren der Geschichte nimmt die Sopranistin Edita Gruberová in München Abschied. Natürlich singend.

          Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding, besonders wenn es für eine Primadonna um die quälende Frage geht, ob die Zeit für den Abschied gekommen sei. Den Schmerz des Abschieds hat nun die Sopranistin Edita Gruberová ihren Bewunderern zugefügt. Sie hat sich an der Bayerischen Staatsoper in einer Aufführung von Gaetano Donizettis „Roberto Devereux“ als Elisabetta I. von der Bühne verabschiedet – nach einer Laufbahn, die vor 51 Jahren, am 18. Februar 1968, in Bratislava begonnen hatte. Es ist eine der längsten Karrieren in der Geschichte des Singens, auf jeden Fall die längste in Partien des sogenannten ersten Fachs. Edita Gruberová befand sich schon im Herbst ihrer Karriere, als sie am 23. Januar 2004 mit dieser Belcanto-Partie einen der größten Triumphe ihrer Laufbahn feierte – als dramatische Darstellerin, ohne jene zu enttäuschen, die sie bis dahin „nur“ als die „Königin der Koloratur“ bewundert hatten.

          In die Annalen der Gesangskunst hatte sich die am 23. Dezember 1946 im slowakischen Rača Geborene mit drei Partien eingeschrieben: als Königin der Nacht in Mozarts „Die Zauberflöte“, als Zerbinetta in Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ und als Lucia di Lammermoor in Donizettis gleichnamiger Oper. Allein in diesen drei Spitzenpartien ihres Fachs bestritt sie mehr Bühnenauftritte als Maria Callas in ihrem ganzen Leben. Jede dieser Partien hat sie, es ist kaum zu begreifen, jeweils in fast zweihundert Aufführungen gesungen.

          Mit dem letzten Atemzug eines Trillers

          Gesungen? Das Wort lässt nicht spüren, dass ihre Koloraturen ein Theater mit Sternenlicht erleuchten konnten; dass sie die ballettösen Arabesken etwa in der Arie der Zerbinetta zum Element der komischen Aktion zu machen verstand; dass sie endlich jedes Ornament zum Mittel dramatischer Expression zu machen wusste – so etwa den Triller der sterbenden Antonia in Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“. Wie oft ist darin, dass ein Mensch im Tode singt, die Paradoxie der Oper gesehen worden. Diese scheinbare Absurdität wird in Offenbachs Oper dadurch gesteigert, dass eine Sängerin dadurch stirbt, dass sie zu singen genötigt wird. Der Rausch der Hingabe an ihre Kunst endet mit dem letzten Atemzug eines Trillers auf dem F der zweiten Oktave.

          Bevor Edita Gruberová sich am 20. Dezember 1976 als Zerbinetta ins Licht der Sensation stellen konnte, hatte sie acht Galeerenjahre hinter sich: zuerst zwei in der Provinz ihres Heimatlandes, die folgenden als Allzweck-Sopranistin im Ensemble der Wiener Staatsoper. „Wenn das der Strauss gehört hätte“, soll Böhm nach der Zerbinetta-Arie „Großmächtige Prinzessin“ – einem Zehn-Minuten-Tanz auf dem Hochseil der Koloratur – gesagt haben; und auch James Levine erklärte nach ihrem Zerbinetta-Debüt an der Met, „solch eine Brillanz“ zuvor noch nie erlebt zu haben.

          In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel

          Am 23. März 1978 endlich versetzte sie die Wiener Oper als Lucia di Lammermoor in Donizettis Oper in eine „A star is born“-Stimmung. Es war die Zeit, in welcher das opera business zum opera busyness wurde. In den folgenden Jahren wurde sie in rund zwanzig Aufnahmen – in Werken von Mozart, Bellini, Donizetti, Verdi, Offenbach, Strauß und Strauss – eingesetzt. Den Ruf als Virtuosin der Höhe bestätigte sie zu dieser Zeit auch durch Recitals mit allen köstlich-kühnen Weisen aus dem Schatzkästchen der Sänger-Musik – wie etwa mit „Le Rossignol et la Rose“ aus Camille Saint-Saëns’ Bühnenmusik „Parysatis“. Mit den melodischen Silberfäden dieser in ein chiaroscuro getauchten Vokalise bestätigte sie eine Maxime von Goethe: „Alles Vollkommene in seiner Art muss über seine Art hinausgehen, es muss etwas anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinaus und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich Singen heiße.“

          Die frühen neunziger Jahre brachten für sie einschneidende Veränderungen in doppelter Hinsicht. Für Aufnahmen der Opern des romantischen Belcanto-Repertoires von Bellini und Donizetti, die Edita Gruberová zu ihrer Spezialität gemacht hatte, fehlte den Firmen das Geld; und auch im Opern- und Festspielbetrieb war mit all den Partien von Bellini oder Donizetti kein Staats-, sondern nurmehr Star-Theater zu machen. Seit 1992 entschied sie sich zunehmend für konzertante Aufführungen. Nicht ohne Bitterkeit sagte sie: „Hier spüre ich, dass die Zuschauer unseretwegen kommen, dass sie uns, die Sänger, hören wollen und dass wir nicht von der Regie als Requisiten behandelt werden.Werden Sie das schreiben? Auch wenn es keiner hören will?“

          Es war Christof Loy, der sie zu einem Zeitpunkt, zu dem die Karrieren von Primadonnen meist zu Ende gehen, mit dem Regie-Theater, dem sie entflohen war, versöhnte und sie mit Partien wie Elisabetta und Lucrezia Borgia in München als Gesangsdarstellerin befreite. Für sie schloss sich endlich der Kreis, als sie am 21. Januar 2006 die Titelpartie in einer Primadonnen-Oper par excellence verkörperte: Bellinis „Norma“, die sie lange – „sie gehört doch einer anderen!“ – zu singen nicht gewagt hatte.

          Nun, in München, mochte man zu Beginn der Aufführung von „Roberto Devereux“ das beklemmende Gefühl haben: Abschied nehmen ist traurig, aber dennoch freut man sich darauf. Doch dann beschenkte Edita Gruberová ihre Bewunderer mit einer auch darstellerisch grandiosen Finalszene, nach zwanzig Minuten mit atemberaubendem Gesang, der noch einmal den ganzen Glanz ihrer Jugend aufstrahlen ließ, abtretend wie die Königin: „Non regno ... Uscite. – Ich regiere nicht mehr. Geht!“

          Danach stand sie in Stürmen des Beifalls, überschauert von Rosenblättern, die vom Bühnenhimmel regneten, dankte milde lächelnd den wohlgesetzten Worten des vor ihr auf die Knie sinkenden „Herrn Staatstheaterintendanten“ Nikolaus Bachler und blickte versonnen auf die von ihren Getreuen im Parkett und auf den Rängen entrollten Plakate, die sie als Edita, die Unvergleichliche, feierten.

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