https://www.faz.net/-gqz-abff0

„Spring Gala Film“ : So viel Trost liegt im Tanz

  • -Aktualisiert am

Finale in zarten Farben: Das Ensemble lässt bei Balanchines Choreographie „Divertimento No 15“Tutus wippen Bild: Erin Baiano

Gut ein Jahr blieben die großen Theaterbühnen aufgrund der Pandemie leer. Sofia Coppolas „Spring Gala Film“ zeigt das New York City Ballet bei seiner Rückkehr auf die Bühne.

          4 Min.

          Aus der Sicht der Tanzwelt ist das Schönste an Sofia Coppolas vierundzwanzigminütigem „Spring Gala Film“ mit dem New York City Ballet vielleicht, das er potentiell allen Menschen zeigt, beweist und für das einundzwanzigste Jahrhundert in atemberaubenden, überwiegend schwarzweißen Bildern ausdrückt, was Klassik in Bewegung bedeutet. Die Werke, deren Ausschnitte die Regisseurin so mühelos zu einer Erzählung davon zusammenfügt, was Tanzen heißt und was es heißt, von der kinästhetischen Aufregung des Zuschauens mitgerissen zu werden, sie stammen aus den Jahren 1956, 1960, 1969 und 1972.

          Eingebettet in diese Abfolge von einem Solo, zwei Pas de deux und einem Gruppenstück, repräsentiert als vorletzte Choreographie das neueste Stück für die Company, die Uraufführung „Solo“ von Justin Peck zum Adagio aus Samuel Barbers Streichquartett Opus 11, die Gegenwart des Tanzes. Aber die Jahrzehnte haben den anderen Stücken zu Musik von Chopin, Strawinsky, Brahms und Mozart nichts anhaben können. Sie verschenken ihre Innigkeit, Genauigkeit und Großzügigkeit unverändert, ihr einladender, kommunikativer, empathischer Gestus ist so unzerstörbar wie die Prägnanz der angewandten ästhetischen Strategien.

          Coppolas Bilder zeigen, wie etwa Igor Strawinsky und Balanchine Schönheit verstanden: als vollständige, jedes Sechzehntel auskostende tänzerische Erfüllung musikalischer Melodien und Rhythmen. Ihre geteilte Ästhetik meinte die Liebe zur Symmetrie als Abbild kosmischer Harmonie; die demütige Akzeptanz menschlicher Erdenschwere und Einsamkeit, die Vereinigung der Künste in athletischer Anspannung aller Sinne, die glückliche, momenthafte Befreiung der Tänzer in Bewegungen, die das alles bergen und zugleich überwinden. Der Tanz ist, und davon sprechen alle klassischen Werke dieser Kunst, ganz gleich, ob in Spitzenschuhen oder Turnschuhen, der unmittelbarste Ausdruck dieses körperlichen Ringens um Aufrichtung, Ausdruck der Sehnsucht danach, Raum zu gewinnen, etwas hinter sich zu lassen, die Welt zu überfliegen, wie auch des Wissens, dass die Landung unvermeidbar ist.

          Die Rückkehr auf die große Bühne

          Manchmal wirken die Tänzer in Coppolas Bildern darum wie konzentrierte Astronauten. Jedes Ende einer Choreographie ähnelt für die Beteiligten der Rückkehr von Raumfahrern zur Erde. Der Film zeigt diesen in sich gekehrten Ausdruck auf ihren Gesichtern, der zugleich abgekämpft, glücklich und isoliert wirkt, als hätten sie etwas Außergewöhnliches erlebt, wovon schwer zu sprechen wäre.

          Aber von vorne: Der Film erzählt zunächst, und das steht in Lettern im Vorspann, von der Heimkehr des Ballettensembles in sein Theater nach einem Jahr der Abwesenheit. Coppolas Kamera braucht nur zwei Einstellungen, um alle diese furchtbaren langen Monate der Pandemie schwarzweiß zu bannen. In einem kleinen Raum hängen durchsichtige Plastiksäcke voller unbenutzter Spitzenschuhe, im nächsten liegen über den dicht an dicht hängenden Tüllröcken auf einem Regal unter der Decke die grauen Köpfe der Mäuse aus dem „Nussknacker“, die es im vergangenen Winter nie ins Scheinwerferlicht schafften. Nicht zuletzt deshalb hofft die amerikanische, auf Ticket Sales und Mäzenatentum angewiesene Tanzwelt auf die Rückkehr des Publikums in die Theater zur Herbstsaison. In jedem Winter müssen die heißgeliebten traditionellen „Nussknacker“-Vorstellungen mehr als die Hälfte des Jahresbudgets einspielen.

          Weitere Themen

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Den Schmerz wegtanzen

          Bachmann-Preis : Den Schmerz wegtanzen

          Nava Ebrahimi gewinnt hochverdient den Bachmannpreis 2021. Im Vordergrund stand aber eher die Frage, wie man über Literatur reden soll.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.