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Freunde der Opera Mauritius : Zuckerrohr und Zauberflöte

Renovierungsbedürftiges Dach: Das Opernhaus ist seit 2006 geschlossen, sieht inzwischen aber schon viel besser aus als auf diesem Bild. Bild: Jan-Benjamin Homolka

Das älteste Opernhaus der Südhalbkugel steht auf Mauritius. Lange Zeit interessieren sich auf der Insel aber nur noch wenige Unbeugsame für die Oper. Das soll sich ändern.

          5 Min.

          Im Zentrum der Hauptstadt Port Louis, wo die Gebäude unübersehbar vom Kolonialismus zeugen und Flughunde in den Bäumen hängen, steht ein schneeweiß getünchtes Haus. Man muss etwas zurücktreten, um es zu sehen, denn es ist abgesperrt. Am Zaun hängt ein Schild des Bauunternehmens: „Another prestigious object completed“. Aber fertiggestellt ist hier überhaupt nichts. Seit 2006 ist das Opernhaus geschlossen, die erste Maßnahme zu seiner Renovierung bestand im Streichen der Fassade, dann begann Phase eins von drei: Instandsetzung des Dachs. Diese Phase dauert bis heute an.

          Julia Bähr
          (bähr), FAZ.NET

          „Die Akustik ist exzellent“, sagt Paul Olsen. Der Mauritier ist einer der großen Förderer der Oper im Inselstaat und stellt seit Jahren gemeinsam mit der Deutschen Katrin Caine Projekt um Projekt auf die Beine, um der hier nicht allzu populären Kunst wieder zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Von der Hoffnung, dass eine ihrer mit viel Hingabe und persönlichem Einsatz umgesetzten Opern jemals im einzigen Opernhaus der Insel auf die Bühne kommen könnte, haben beide sich mittlerweile weitgehend verabschiedet. „Der Orchestergraben ist jetzt mit Zement gefüllt“, berichtet Olsen. Ohnehin würden Regierungsgebäude schlecht instand gehalten.

          Die meisten Sänger des Opernchors von Mauritius können zwar keine Noten lesen, doch dafür haben sie große Präsenz: Dank tatkräftiger Unterstützung wachsen immer mehr Einheimische in die Bühnenberufe hinein.
          Die meisten Sänger des Opernchors von Mauritius können zwar keine Noten lesen, doch dafür haben sie große Präsenz: Dank tatkräftiger Unterstützung wachsen immer mehr Einheimische in die Bühnenberufe hinein. : Bild: Julia Bähr

          Aber die Unterstützung von Olsen, Caine und ihrem 2011 gegründeten Verein „Freunde der Opera Mauritius“, der bereits vom Architekten Stephan Braunfels Pläne für eine behutsame Renovierung eingeholt hatte, haben die Behörden abgelehnt. „Wir nehmen an, dass sie dort keine Opern mehr aufführen wollen, sondern es für Kulturevents renovieren“, sagt Caine. Das Opernhaus liegt prestigeträchtig schräg gegenüber von Verwaltungsgebäuden der Regierung. Dass der Bürgermeister von Port Louis immer nur für ein Jahr gewählt wird, hilft der Renovierung nicht gerade: Alles, wofür später jemand anderes die Lorbeeren ernten könnte, geht ein Bürgermeister mit einer so kurzen Amtszeit nicht mit höchster Priorität an.

          Bewegte Geschichte des Hauses

          Dabei hat das Opernhaus eine grandiose Geschichte hinter sich. 1810 übernahmen die Briten die Insel von den Franzosen, die als Theater nur ein Holzgebäude hatten, das von Zyklonen beschädigt war. Der britische Gouverneur wollte ein Opernhaus bauen als Geschenk an das Volk und ließ es zwischen 1820 und 1822 errichten. Um 1900 wurde seitlich eine Lobby angebaut. Es gab kein einheimisches Ensemble, aber durchaus einheimisches Publikum, vor allem Briten und Franzosen. Aus Frankreich reisten Theatertruppen an, um das Haus für ein paar Monate zu bespielen. Nach einer Weile bildeten sich auch lokale Truppen, die eher avantgardistische Inszenierungen auf die Bühne brachten. Das Publikum sang mit. Die Züge fuhren abends erst nach der Oper ab, von Port Louis aus nach Nord, Süd und Ost. Es war ein Spektakel auf einer an Spektakeln armen Insel: „Es gab hier ja sonst nur Zuckerrohr, Meer und sonst nichts“, sagt Katrin Caine.

          Geschenk der britischen Kolonialherren an das Volk: Blick in die Ränge.
          Geschenk der britischen Kolonialherren an das Volk: Blick in die Ränge. : Bild: Opera Mauritius / Jan-Benjamin Homolka

          1920 gründeten die Briten ein Symphonieorchester der Polizei; der erste Dirigent des einheimischen Orchesters war ein britischer Militär. Aber mit der Unabhängigkeit von Mauritius 1968 verließen das Militär und viele britische Zivilisten die Insel. Das Polizeiorchester verlor alle Streicher, nur die Bläser blieben übrig. Es bildete sich ein Polizei-Rentner-Orchester, das immerhin ausreichend besetzt war für umarrangierte Symphonien, aber zusehends schrumpfte. Jüngere Musiker kamen nach, doch sie interessierten sich eher für populärere Musik. Bis Anfang der Nullerjahre kamen immer noch Theatertruppen, hauptsächlich aus Frankreich, und spielten etwa fünf bis sechs Stücke pro Saison. Trotzdem war der Bedeutungsverlust klassischer westlicher Musik auf Mauritius absehbar: Die indomauritische Bevölkerungsgruppe wurde immer größer und hat ihre eigene klassische Musik, die sie pflegt und auf die sie stolz ist. Für die benötigt man aber keine Opernhäuser mit Orchestergraben und riesiger Bühne.

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