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„Dalibor“ an Frankfurts Oper : Er sieht so süß aus

  • -Aktualisiert am

Dalibor (Aleš Briscein) wird für ein Fernsehtribunal auf den Stuhl gezwungen. Bild: Monika Rittershaus

Die Oper Frankfurt zeigt die böhmische Rittermär „Dalibor“ von Bedřich Smetana als melodienreiche Begleitmusik zu einem Fernsehtribunal.

          Als es in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit der politischen Emanzipation des Kronlands Böhmen einfach nicht werden wollte, wich man auf die symbolische Ebene der Kunst aus. Die „wahre“ Nationaloper sollte den in der Habsburgermonarchie immer wieder frustrierten Tschechen den Weg zu patriotischer Selbstfindung bahnen. Aber was macht eine Nationaloper aus? Die einen vertraten die Ansicht, dass sich die Komponisten an der eigenen Volksmusik zu orientieren hätten; die anderen – repräsentiert durch den einflussreichen Ästhetiker Otakar Hostinský – plädierten für eine weltoffene Orientierung an den internationalen Entwicklungen des Musiktheaters. Zur zweiten Partei neigte der Böhme Friedrich Smetana, der zur besseren Propagierung seiner patriotischen Gesinnung seinen Vornamen 1848 zu Bedřich umgeändert hatte, aber erst 1861 begann, die tschechische Sprache zu benutzen; noch in seinen frühen Opern wird das Tschechische gelegentlich falsch betont. Smetanas große national geprägte Opern – „Die Brandenburger in Böhmen“, „Dalibor“, „Libuše“ – sind tiefernste Historienspektakel irgendwo zwischen Weber, Meyerbeer und frühem Wagner, nur in den heiteren Stücken wie der „Verkauften Braut“ fließen Folklorismen ein, und der Welterfolg gerade dieses Stücks hat Smetana eher geärgert als erfreut.

          Niemand wird „Dalibor“, der programmatisch zur Eröffnung des Prager Nationaltheaters am 16. Mai 1868 auf ein deutsches Libretto (!) uraufgeführt wurde, geschichtliche Bedeutung und Interesse absprechen wollen, und sei es als klingende Illustration zu Benedict Andersons klassischer These von der „Erfindung der Nation“. Wenn die Oper Frankfurt aber dieses Stück auf den Spielplan setzt, wäre mehr zu erwarten als bloß ein Denkmal der Tonkunst in Böhmen. Zwar wäre es nicht fair, „Dalibor“ als Ausgrabung zu bezeichnen, erst letztes Jahr wurde das Stück auch in Augsburg auf die Bühne gebracht. Aber dass es außerhalb Tschechiens nicht ins Repertoire eingegangen ist, überrascht auch nicht. Die windschiefe Dramaturgie um den Ritter Dalibor, der seinen Nachbarn, den Grafen von Ploskovice, ermordet hat, um den Tod seines Freunds, des Geigers Zdeněk, zu rächen, pendelt trist zwischen Gerichtssaal und Kerker. Dass sich die Schwester des Ermordeten, Milada, während der Gerichtsverhandlung in den Täter verliebt, überzeugt wenig; zum Schluss kommen beide bei einem Fluchtversuch ums Leben. Das Volk, dem diese Nationaloper gelten sollte, kommt weder zu Wort noch ist es irgendwie Thema. Musikalisch wirkt das Stück mit seiner häufig melodisch geprägten Deklamation und seinen atmosphärischen Orchestereffekten oft reizvoll, manchmal spröde, selten bezwingend.

          Mit Stinkefinger

          Alles liegt also an der Frage, wie „Dalibor“ heute auf die Bühne zu bringen wäre, und hier scheitert die Frankfurter Oper leider entschieden. Was die Regisseurin Florentine Klepper und ihr Team aus dem Stoff gemacht haben, ist Folgendes: Die königliche Gerichtsszene des ersten Akts, deutlich an Wagners „Lohengrin“ orientiert, findet als „TV-Tribunal“ statt, ein mittlerweile gründlich veraltetes Genre des Privatfernsehens. Der König tritt im Glitzerkostüm auf, das mit schwarzen Einheitsperücken zur Masse degradierte Publikum darf auf Bildtafeln pro und contra urteilen (mit Hashtags wie #ersiehtsosüßaus oder #ToddemVolksverräter). Kameras und Videoeinspielungen beherrschen auch das Gefängnis, in dem Überwachen und Strafen zum Geschäft gehören. Die heitere Chöre singenden Söldner haben sich in einen Trupp vermummter Autonomer verwandelt, die „Fuck the system“ an die Wand von Studio 19 schmieren, die eigentlich verbündete Dalibor-Unterstützerin Jitka attackieren und von ihr den Stinkefinger gezeigt bekommen. Warum am Ende nicht nur der König, sondern auch der eigentliche Machthaber, der Ratgeber Budivoj, von der Polizei abgeführt oder niedergeprügelt worden sind, erschließt sich nicht.

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          Spaßgesellschaft, Medienjustiz, Überwachungsstaat, „Gelbwesten“, Hate Speech, das ist in der Anspruchslosigkeit, mit der hier Gegenwartsassoziationen zusammengefegt werden, Kulturkritik von der Stange. Einmal mehr demonstriert dieser Abend die Abstiegstendenz des sogenannten Regietheaters zum routinierten Kunstgewerbe, die direkt zusammenhängt mit dem Unwillen, sich auf Stücke wirklich informiert und präzise analysierend einzulassen. Nichts passt zusammen oder ergibt wenigstens eine produktive, stimulierende Spannung zur Vorlage. An den interessanten, nämlich psychologischen Fragen, dem absurden Gesinnungswandel der Milada oder Dalibors (homoerotisch gefärbter?) Schwärmerei für seinen ermordeten Geigerfreund, zeigt sich Klepper völlig desinteressiert.

          Bleibt die musikalische Ebene, die von zuviel Aktion und Video auf der Szene an den Rand gedrängt wird, aber trotz des in Frankfurt gewohnten Niveaus nicht restlos zu überzeugen vermag. Der Dirigent Stefan Soltesz gestaltet immerhin die – teilweise brachial gekürzte – Partitur mit dem Orchester farbenreich und sängerfreundlich, und mit der polnischen Sopranistin Izabela Matuła als Milada hat man eine kraftvolle Sängerin gefunden, einen guten Eindruck hinterlassen auch Simon Bailey als Budivoj und Thomas Faulkner als Beneš sowie die nach einem eher engklingenden Start sich allmählich warmsingende Angela Vallone als Jitka.

          Aber der von dem tschechischen Tenor Aleš Briscein verkörperte Titelheld singt oft allzu nasal und weinerlich, und Gordon Bintner als König Vladislav opfert den tragischen Zwiespalt dieser Figur im dritten Akt eindimensionalen vokalen Kraftposen. Fazit des Abends: Im Grunde wäre Smetanas „Dalibor“ der ideale Kandidat für eine konzertante Aufführung.

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