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Sir Simon Rattle im Interview : Die Zeit der Makellosigkeit ist vorbei

  • Aktualisiert am

Das verflixte Jahr ist bei ihm das sechste: Sir Simon Rattle Bild: Charlotte Oswald

Vor sieben Jahren kam er als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern, das verflixte Jahr ist bei ihm das sechste: Im Interview spricht Sir Simon Rattle über den feinen Rhythmus der Franzosen, das große Musikherz der Briten, die globale Krise und den Niedergang der Plattenindustrie.

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          Vor sieben Jahren kam er als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern, das verflixte Jahr ist bei ihm das sechste: im Interview spricht Sir Simon Rattle über den feinen Rhythmus der Franzosen, das große Musikherz der Briten, die globale Krise und den Niedergang der Plattenindustrie.

          Sir Simon, vor sieben Jahren kamen Sie als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern. Wir haben in Deutschland eine Redensart: „Das verflixte siebte Jahr“. Und „verflixt“ bedeutet nichts Gutes. Nebenbei, sprechen Sie eigentlich mittlerweile Deutsch?

          Ja, natürlich! Mein Deutsch ist vielleicht noch ein bisschen primitiv, aber ich verstehe alles! Am besten fragen Sie mich auf Deutsch, und ich antworte auf Englisch. By the way, auch wir Engländer kennen dieses Sprichwort. „The seven year itch“ heißt der Film mit Marilyn Monroe. Ehen kriegen eine Krise im siebten Jahr . . .

          Wie steht es denn zur Zeit so um Ihre philharmonische Ehe?

          Sie müssen wissen, dass bei mir persönlich immer das sechste Jahr verhext ist. Das ist jetzt gerade vorbei. Wir haben es glücklich hinter uns. Die Krise haben jetzt die anderen! Unglaublich, was zur Zeit passiert.

          Sie sprechen von der globalen Wirtschaftskrise?

          Ja. Mein Gott, ich bin sicher, das Ausmaß ist noch nicht mal halbwegs sichtbar. Ich habe zwei Söhne, einer ist drei Jahre alt, der andere sieben Monate. Neulich dachte ich, Himmel, wenn die eines Tages erwachsen sind, werden sie den großen Crash aus dem Jahr 2008 studieren wie ein historisches Ereignis. Vielleicht werden sie dann auch wissen, wie wir da überhaupt wieder herausgefunden haben. Reden Sie heute mit Bankleuten (ich meine: mit ehrlichen Bankleuten), dann merken Sie, dass selbst die nicht weiterwissen. Alle Werte sind auf den Kopf gestellt. Ich frage Sie: Ist Gold etwas Wirkliches oder Einbildung? Das ist eine philosophische Frage! Natürlich ist echtes Gold echtes Gold, aber imaginär ist der Wert, den es für Sie und für mich hat, denn das ist schließlich nur eine Vereinbarung. Wer hat aber zur Zeit noch das Vertrauen, sich auf eine Vereinbarung zu verlassen? Vielleicht hatte Marx also doch recht! Und das zu einem Zeitpunkt, wo wir alle gerade dachten, der Kommunismus ist Vergangenheit, der Kapitalismus funktioniert. Verrückt!

          Wie wird sich das auf die Kultur auswirken?

          Schwer zu sagen. Es ist zu viel in Bewegung geraten. Die physikalischen Wissenschaften sind längst zur Kosmologie geworden. Wer heute Physik studiert, hat weniger zu tun mit trockenen Formeln, eher mit Religion, und die Ökonomie bewegt sich irgendwo zwischen Religion und Chaostheorie. Mir kommt es so vor, als wäre es neuerdings viel einfacher, in klaren Worten über Musik zu reden als über Wirtschaftsfragen. Dabei weiß doch jeder, dass man über Musik in Worten gar nichts Vernünftiges sagen kann. Das ist ja auch der Grund, warum wir lieber Musik machen! Heute ist das musikalische Vokabular ein vergleichsweise verlässliches Terrain.

          Gut, reden wir über Musik. Sie haben in den letzten Jahren auffallend viel französisches Repertoire aufgeführt: Berlioz, Debussy, Messiaen, jetzt Ravel. Darunter auch echte Raritäten wie „La Mort de Cloptre“. Woher diese Liebe zur französischen Musik bei einem britischen Dirigenten?

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