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Sopranistin Ileana Cotrubaş : Singen im Widerstand

  • -Aktualisiert am

Den Paradigmenwechsel des Opernlebens hat sie als Machtergreifung erlebt, aber nicht ertragen: Ileana Cotrubaş bei einem Fernsehauftritt in den achtziger Jahren. Bild: Picture-Alliance

Den Paradigmenwechsel in der Oper hat sie erlebt, aber nie ertragen. Für ihre Figuren entwarf sie Stimm-Charaktere. Jetzt wird die Sängerin Ileana Cotrubaş achtzig Jahre alt.

          „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter“, notierte Kurt Tucholsky in der „Weltbühne“, „als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ Die rumänische Sopranistin Ileana Cotrubaş hat sich im Verlauf ihrer Karriere mehrmals im Gegensatz zu den Moden und den Machenschaften des Opernlebens befunden, nicht aus den Launen einer donna cappricciosa heraus, sondern weil sie des öfteren den Vorstellungen und Wünschen einzelner Regisseure nicht entsprechen oder, aus ihrer Sicht, sich deren Willkür nicht beugen wollte.

          Die in Galați geborene Ileana Cotrubaş wuchs in einer musikalischen Familie auf, sang mit neun Jahren bei einer Aufführung von „Carmen“ im Chor der Kinder und debütierte nach dem Studium in Bukarest an der dortigen Nationaloper in der Knabenpartie des Yniold in Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“. Nach Wettbewerbssiegen in s’Hertogenbosch (1965) und München (1966) wurde sie 1968 von Christoph von Dohnányi, gleichzeitig mit Agnes Baltsa, an die Frankurter Oper engagiert. Im Dezember 1969 debütierte sie in Wien als Pamina in der „Zauberflöte“, 1971 in London als Tatjana in „Eugen Onegin“, 1974 als „Mimì“ an der Mailänder Scala, 1977 an der Metropolitan Opera. Seit 1976 konnte sie sich auf der Klangbühne nachdrücklich in Szene setzen, besonders deshalb, weil sie von ihren Rollen nicht nur mit einem Allzweck-Ausdruck berichtete, sondern für die Figuren Stimm-Charaktere fand.

          Erlesen getönt und reich moduliert

          Ihre Stimme, ein zarter, erlesen getönter und reich modulierter lyrischer Sopran, hat den zarten Zauber empfindsamer Weiblichkeit. In Partien wie Gilda in „Rigoletto“, Micaëla in „Carmen“ oder Louise in Charpentiers gleichnamiger Oper war sie nicht die ahnungslose Jungfrau, sondern die erwartungsvoll-ungeduldige. Unwiderstehlich ist sie in Partien der herausfordernd-verführerischen (Kind-)Frau wie Norina in „Don Pasquale“. Ein Kabinettstück, wie sie als Norina in ihrer ersten Arie, angeregt durch die Lektüre eines Mode-Romans über eine erotisch unwiderstehliche Frau, ihr eigenes Wunschbild entwirft und die Kunst der lockenden Blicke, der amourösen Gesten, der falschen Tränen sinnenfällig macht. Bestürzend ihre Darstellung von Massenets Manon, von Maupassant beschrieben als „Liebestier von angeborener Schlauheit ohne jedes Schamgefühl“. Den größten und nachhaltigsten Erfolg errang sie als Violetta in Giuseppe Verdis „La Traviata“ – weniger auf der Bühne, weil sie für die hybride Partie nicht die unbegrenzten technischen und stimmlichen Mittel einer Virtuosa (wie Maria Callas oder Edita Gruberova) besaß, sondern wieder in Aufnahmen unter Carlos Kleiber, der wie ein wiederbelebter Toscanini dirigiert. Umso fesselnder, dass es ihr gelingt, die morbide Anmut, die fiebrige Lebensgier, die angstvolle Unruhe und Fragilität der Figur in einem Klangspiegel sichtbar werden zu lassen.

          Den Paradigmenwechsel des Opernlebens – die Dominanz der Regisseure und des Szenischen – hat sie als Machtergreifung erlebt, aber nicht ertragen. Dass sie sich 1973 in Wien bei einer Produktion von „Eugen Onegin“ mit Rudolf Noelte überwarf oder 1980 an der Met dem Regisseur John Dexter klar machen wollte, dass sie eine andere Vorstellung habe von der Figur, die sie schießlich darzustellen habe, verschaffte ihr alsbald den bösen Leumund der „Schwierigen“ oder der „Marschallin der Gegenreformation“. Am 26. November 1990 hat sie sich in Wien als Mimì von der Bühne verabschiedet, aber nicht von der Rolle der Schwierigen gelassen. Vor zwei Jahren hat sie, noch immer in offenem Gegensatz zu ihrer Zeit, eine Kampfschrift herausgebracht: „Die manipulierte Oper“. An diesem Pfingstsonntag wird Ileana Cotrubaş achtzig Jahre alt.

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