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Wunderkinder in der Musik : Walzer und Weltfrieden

  • -Aktualisiert am

Alma Deutscher im November 2016. Da war sie elf Jahre alt und stand kurz vor der Premiere ihrer ersten selbstkomponierten Oper. Bild: AP

Alma Deutscher und Laetitia Hahn gelten als musikalisches Wunderkinder. Sie wollen als Künstlerinnen, nicht nur als Kinder ernst genommen werden. Aber wie soll das möglich sein?

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          In bester Wunderkindtradition tritt Alma Deutscher bei „Google Zeitgeist“ auf. Sie spielt Geige und Klavier und singt. Alles in Kleidchen und Schühchen mit Schleifchen und Zöpfchen. Im Salon der Mendelssohns wäre sie vor zweihundert Jahren kaum als zeitfremd aufgefallen. Der Moderatorin erzählt sie von ihrer Oper „Cinderella“, wie sie Aschenputtel zu einer Komponistin und den Prinzen zu einem Dichter umschrieb und es statt der gläsernen Pantoffeln nun eine Melodie ist, die die beiden zusammenführt. In ihren Augen blitzen Begeisterung und Neugierde. Sie spricht, als wolle sie mehr sagen, als es ihr Sprechtempo zulässt. So steht sie im Scheinwerferlicht, den Blicken und den Erwartungen ausgesetzt. Erwartungen der Familie, der Zuschauer und an sich selbst. Auch in den Kommentarspalten unter ihren Youtube-Videos geht man von Großem aus: „You are going to change the world!“

          Vor wenigen Jahren ist sie, inzwischen siebzehn Jahre alt, mit ihrer Familie von England nach Österreich gezogen. Seitdem sind ihre Wirkungsstätten Wien und Salzburg. Damit hat sie dieselben Fixpunkte wie Mozart, dem Prototypen jedes Wunderkindes. Verglichen werden will sie nicht mit ihm. Mozart gab es schon, Alma noch nicht. Sie komponiert, seit sie vier Jahre alt ist. Sie weiß nicht, wie es ist, keine Musik zu spielen und zu Stücken zu formen.

          Wie aus einer anderen Dimension vorgeprägt, spielen diese Zauberwesen mit Leichtigkeit, woran andere trotz aller Bemühungen scheitern. Sie verstehen die Musik intuitiv, sie sind frühreif und lernen schneller. Dazu geht Hochbegabung häufig mit erhöhter Sensibilität einher. So wirken sie wie „alte Seelen“, die länger gelebt zu haben scheinen, als es ihr Geburtsdatum vermuten lässt: Von Mozart zu Mendelssohn über Menuhin zu Alma Deutscher und dem georgischen Komponisten Tsotne Zedginidze, die Liste ist lang, und die nachfolgende Generation steht schon bereit. Damals wie heute gilt: „Als Genie wird man geboren, zum Wunderkind gemacht.“

          Laetitia Hahn im Jahr 2017. Da war sie noch Schülerin, wurde aber mit einem IQ von 145 schon als Studentin eingeschrieben.
          Laetitia Hahn im Jahr 2017. Da war sie noch Schülerin, wurde aber mit einem IQ von 145 schon als Studentin eingeschrieben. : Bild: Privat

          Weil Wunder berichtenswert sind, scharen sich die TV-Anstalten und Journalisten auch um Laetitia Hahn. Sie wurde mit vier Jahren eingeschult. Wie viele Hochbegabte unterforderte sie der Schulstoff. Ballett, Taekwondo, Sprachen, Klavier und Geige sollten Abhilfe schaffen – der tägliche Kalorienbedarf geistiger Nahrung. Wie ein Schwamm saugte sie die neuen Inhalte auf. In der Wissenschaft hat man dafür den Begriff der „wütenden Wissbegierde“ gefunden. Es ist neben der Frühreife ein weiterer Indikator einer Hochbegabung.

          Schule ist für Wunderkinder öde

          Sie ließ sich krankschreiben, um der Ödnis der Schule zu entgehen und vor allem um ihre Instrumente zu üben. Daneben: Fernsehauftritte, Interviews, Lesen, Lernen, Hausaufgaben, Familie – „Wunderkind zu sein ist ein 24-Stunden-Job“, sagt sie, und man müsse arbeiten, um diesen Status zu behaupten und das Talent pflegen, bis es zur Fähigkeit reife: Zehn Prozent Talent und neunzig Prozent Arbeit, sagt sie. Ein fleißiger Normalbegabter kann weiterkommen als ein Hochbegabter, der sein Talent nicht nutzt. Bei jedem angehenden Musiker gilt die Trias Talent, Fleiß und Durchhaltewillen. Das ist bei Hochbegabten nicht anders.

          Musikalisch Hochbegabte drängt es, ihrem Bedürfnis nach Musik nachzukommen. Ihre Fähigkeiten versetzen sie in die Lage, die Musik, die sie lieben, mitzugestalten, und der unmittelbare Einfluss auf das Ergebnis spornt sie ab einem gewissen Niveau zu Höchstleistungen an. Die Musik wird als eine Welt gestaltet, „die nur zu einem selbst gehört, aber die man an andere weitergeben kann“, wie es Laetitia Hahn ausdrückt. Das Rampenlicht reicht da nicht aus. Sie wollen künstlerisch ernst genommen werden. Doch wie sieht ihr künstlerischer Beitrag aus?

          Nicht nur Alma Deutschers Erscheinung, auch ihre Kompositionen haben etwas Imitierendes. Ihr „Sirenenwalzer“ etwa lässt verstopfte Straßen und hupenden Feierabendverkehr als klangliches Abbild entstehen, so nah sind ihre Klangrekreationen bei den Alltagserfahrungen. Doch weil ihr Stück so schräg beginnt, richtete Deutscher bei der Premiere in der Carnegie Hall einleitende Worte an ihr Publikum, damit dieses keinen „Schock“ bekomme. Auch mokierte sie sich über den Gedanken, Musik des 21. Jahrhunderts müsse die Hässlichkeit der Moderne spiegeln. Sie allerdings möchte ihre Musik nicht künstlich einer Norm preisgeben. In ihrer Dankesrede zum Europäischen Kulturpreis macht sie daraus kurzerhand eine Metapher für ein Europa, in dem nicht nur Dissonanzen möglich sind. So verwandelt sie die hässlichen Klänge in schöne Walzer, als wären sie Frösche, die durch Küsse zu Prinzen werden. Sie hofft, irgendwann lässt man es ihr kommentarlos durchgehen, schöne Musik zu schreiben, die so sehr nach der vertonten Obhut einer sicheren Kindheit klingt.

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