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„Peer Gynt“ in Hamburg : Schwindelsüppchen am Fjord

  • -Aktualisiert am

Die Schauspieler Ernst Stötzner und Maria Schrader spielen Vater und Tochter in Simon Stones Inszenierung „Peer Gynt“. Bild: dpa

Simon Stone nennt sein neues Stück „Peer Gynt“ und inszeniert es am Schauspielhaus Hamburg. Ein Etikettenschwindel - trotz der grandiosen Angela Winkler.

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          Das Schreckenswort im Theater unserer Tage lautet „nach“. Was ist bloß mit den Regisseuren los, dass sie nicht mehr Stücke „von“ einem Autor, sondern nur noch „nach“ inszenieren können, wenn überhaupt? Am schlimmsten pflegt es in dieser Hinsicht Simon Stone zu treiben, geboren 1984 in Basel, aufgewachsen in Australien, als neuester Regie-Wunderknabe vor allem in Deutschland gehandelt. Sein Kunstgriff: Er schnappt sich bekannte Dramen und erzählt einfach ihre Handlung ziemlich frei in heutiger Sprache und Umgebung nach. Das nennt er marktschreierisch „Überschreibung“ oder „Übermalung“.

          Am Schauspielhaus Hamburg hat er jetzt „Peer Gynt“, dieses vor knapp 150 Jahren entstandene „dramatische Gedicht“ Henrik Ibsens, so gründlich verwässert, dass es nach einer billigen Fernsehschmonzette klingt, bei der kräftig am Drehbuch gespart wurde. Die bizarre Veranstaltung heißt „Peer Gynt von Simon Stone nach Henrik Ibsen“. Letzteres ist eine glatte Lüge, jeden Gebrauchtwagenhändler würde man für solchen Etikettenschwindel vor Gericht bringen können, wollte er mit vergleichbaren Manipulationen seine Karossen loswerden. Leider geht dies mit dem Gebrauchtdramenhändler Stone, dessen aktuelle Version mit der Vorlage rein gar nichts zu tun hat, was den Titel rechtfertigen würde, nicht. Denn Ibsen ist schon so lange tot, dass seine Werke von jedem hobbymäßig literarisierenden Einfaltspinsel geschändet werden dürfen - der natürlich nicht auf deren Titel verzichtet, sollen die doch das zahlende Publikum an der Nase herum- und direkt an die Kasse führen: eine Zumutung.

          Bereits der vierte „Ibsen-Raubzug“ von Stone

          Solange es freilich Intendantinnen und Intendanten gibt, die solche Machenschaften unterstützen, werden Theaterstrauchdiebe dieser Art, die kein eigenes Stück hinkriegen, sondern lediglich andere plündern können, weiterhin mit dreist gestohlenen Lesefrüchten ihr Schwindelsüppchen als „Regie-Autoren“ oder „Autoren-Regisseure“ kochen. Bei Stones nunmehr viertem Ibsen-Raubzug haben die Hauptfiguren keine Namen und so spielt auch kein Peer Gynt mit, keine Solveig oder Åse. Stattdessen tritt am Anfang eine Frau von über siebzig Jahren auf, die den Großteil ihres Lebens in den Vereinigten Staaten verbracht hat und dort als Architektin reüssierte.

          Krebskrank kehrt sie nach Norwegen an ihren heimatlichen Fjord zurück, wo sie einst zugunsten von Freiheit und Karriere ihren Mann samt der gemeinsamen Tochter zurückgelassen hatte. Diese arbeitet inzwischen in Dubai und bringt gestohlene Altertümer an die Kundschaft, während ihre Tochter Selbstmordabsichten hat, Psychopharmaka schluckt, ihre Libido verliert, aber mit dem Liebhaber ihrer eigentlich verheirateten Mutter plötzlich Sex hat, als die beiden zu Besuch kommen, obwohl die Mutter bei ihrem Mann unglücklich ist und deshalb in die Wüste zog und nichts von ihrer Schwester weiß, die ihre gemeinsame Mutter sucht, deren Mann dement wird und stirbt.

          Es wird zur Flucht geraten

          Und so weiter und so fort, ohne Form, Sinn und Verstand. Einmal taucht in einer Seitenloge Josef Ostendorf als Henrik Ibsen auf, grinst gemütlich und wirft der Enkelin der Architektin „Peer Gynt“ hinunter - mit der großväterlichen Ermunterung, das Reclam-Heftchen unbedingt zu lesen. Was die Göre prompt tut, worauf sie sich ungeniert und verrückt wie der Titelheld benimmt, was ihr die anderen schnell wieder abgewöhnen. Sie kriegt ein Kind mit Muttis Ex-Freund und dann reicht es ihr wie damals ihrer Oma: Sie verschwindet mit ihrem Rollkoffer durch den Zuschauersaal hinaus ins Freie.

          Ganz unter uns: Das ist das Beste, was man an dem dreistündigen Abend voller Trivialitäten und Flausen, Binsen und Beschiss tun kann. In dieser albernen Familienaufstellung sagt Maria Schrader als verlassene Tochter zu ihrer von Angela Winkler grandios ungerührt gezeichneten Mutter etwa: „Mich hast du nicht verletzt, mich hast du stark gemacht!“ Und die erklärt: „Mir hat niemand das Leben leichtgemacht!“ Paul Herwig als ihr Schwiegersohn brüllt wie ein verzweifelter Comedian dauernd begriffsstutzig „häääää?“, während Gala Othero Winter als seine Tochter, die zu viel ferngesehen hat, ihre Großmutter „freakig“ findet. Ernst Stötzner als Ehemann der Architektin, der unverdrossen auf ihre Rückkehr gewartet hat, muss uns mitteilen, dass er nie ein Hippie war und nicht weiß, ob Gott männlich, weiblich oder ein Neutrum ist. Auf der flachen schwarzen Bühne von Bob Cousins ist mit Neonröhren ein Haus angedeutet, das später Holzlatten zieren und zwischendurch einem Karaoke-Imbiss in Dubai weicht, ehe man sich auf einem Parkplatz mit Mülltonne und Laternen trifft und im LSD-Rausch Trolle im Clownskostüm herumhampeln.

          Lang und breit lässt Simon Stone das Ensemble seine schmalzige Soap-Opera zelebrieren. Ohne die wunderbaren Schauspieler würde der triste, hausbacken inszenierte Aufguss allerdings wesentlich peinlicher klingen und wirken als jetzt. Doch sogar die zerbrechlich-souveräne Angela Winkler als Ehefrau und Ernst Stötzner als ihr verloren in sich verdämmernder Ehemann, ein herzzerreißendes altes Paar, oder die kokett-resolute Bettina Stucky in mehreren Rollen von der Bettlerin bis zur Fotojournalistin, stehen bald auf verlorenem Posten. Denn Stones verbal wie optisch geistlose Geschwätzigkeit genügt sich selbst - aber weder ihnen noch uns.

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