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„Am Ende Licht“ in Stuttgart : Mit Menschen kann er richtig gut

  • -Aktualisiert am

Hat mit einem Drogen­­­abhängigen ein Kind bekommen, der sie gar nicht gut behandelt: Nina Siewert rauft sich die Haare als Ashe in der Stuttgarter Inszenierung von Die Männer sind oft etwas schwächer angelegt als die Frauen in den Dramn von Simon Stphens – so auch in „Am Ende Licht“. Manchmal versuchen seine Figuren aus ihrer Welt auszubrechen. Am Ende Lichtvon Simon StephensDeutsch von Barbara ChristInszenierung Elmar Goerden Inszenierung: Elmar GoerdenBühne: Silvia Merlo & Ulf StenglKostüme: Lydia KirchleitnerLicht: Sebastian IsbertDramaturgie: Ingoh Brux, Christina Schlögl Auf dem BildNina Siewert, Ensemble Foto: Katrin Ribbe Bild: Katrin Ribbe

Immer beim Busfahrer bedanken: Elmar Goerden bringt in Stuttgart Simon Stephens eindrucksvolles Stück „Am Ende Licht“ zur deutschen Erstaufführung.

          3 Min.

          Der britische Dramatiker Simon Stephens denkt sich Menschen aus, die man sich selbst gut vorstellen kann. So wie Bernard, der sich in die Hand beißt vor Schmerz, nachdem er vom Tod seiner Frau erfahren hat, und ständig essen muss, um diese Welt noch auszuhalten. In Stephens’ Stück „Am Ende Licht“, das jetzt in Stuttgart seine deutsche Erstaufführung feierte, geht es um eine Familie, die über Englands Norden verteilt lebt. Fünf Städte in Nordengland hat Stephens zur Inspiration für sein Schreiben bereist, die ihm bislang nur als Namen etwas bedeutet haben. Etwa Doncaster, wo sich sein eigener Vater zu Tode getrunken hat. Oder Durham, wo sein Onkel als Erster aus der Familie ein Studium begonnen hat.

          Es ist das Kennzeichen des Dramatikers Stephens, dass er so über Menschen schreibt, wie sie in Wirklichkeit sein könnten. Oft kommen sie aus alten Industriestädten, die keine Zukunft mehr haben. Die Männer sind oft etwas schwächer angelegt als die Frauen. Manchmal versuchen seine Figuren aus ihrer Welt auszubrechen. Und nicht selten haben sie sich trotz ihrer Verzweiflung einen Rest Optimismus bewahrt.

          So ist es auch in Stephens’ neuestem Drama, das auf Deutsch unter dem poetischen Titel „Am Ende Licht“ erscheint. Das Stück beginnt damit, dass die Mutter Christine (Sylvana Krappatsch) ihren eigenen plötzlichen Tod in einem Supermarkt schildert. Sie, die Alkoholikerin ist, stirbt am 17. Februar 2017 an einer Hirnblutung, als sie nach einer weiteren Flasche Wodka im Regal greifen möchte. Sylvana Krappatsch erzählt davon nicht betroffen, ihr Vortrag wirkt im Gegenteil leicht fahrig, manchmal plappert sie sogar etwas dahin, dann hält sie wieder inne. In der Stuttgarter Inszenierung von Elmar Goerden steht sie vor grauen Regalen, die nach ihrem Monolog in den Bühnenhimmel fahren. Kurz darauf fährt auch sie selbst empor. Dann rollen große Holzkugeln auf die Bühne, und der Zuschauer erfährt, was Christines Mann und ihre drei Kinder am Tag ihres Todes erlebt haben. Sie selbst bleibt als Beobachterin präsent, schlüpft hier und da auch in eine andere Rolle oder spricht als Geist zu ihren Kindern.

          Furchtbar aufgeregt vor dem flotten Dreier

          Es sind kurze Szenen, die in Stuttgart aufeinanderfolgen. Das Ensemble bleibt die ganze Zeit auf der Bühne und schaut den gerade Spielenden beim Auskosten ihrer Rollen zu. Tochter Jess wacht neben ihrem One-Night-Stand Michael auf – ein ehemaliger Krimineller, der sich als empathischer Mann erweist. Christines Mann Bernard trifft sich in Doncaster mit seiner Geliebten und einer weiteren Freundin zu einem flotten Dreier und ist furchtbar aufgeregt.

          Klaus Rodewald gibt ihn als Träumer mit strähnigem Haar, Ikea-Hemd (er kommt gerade von der Arbeit) und kindlich nebeneinandergesetzten Füßen. Während er Chips isst, sagt er Sätze wie: „Wichtig ist nur, wie man mit Menschen kann, und mit Menschen kann ich gut.“

          Abwarten und Tee trinken: Szene aus „Am Ende Licht“
          Abwarten und Tee trinken: Szene aus „Am Ende Licht“ : Bild: Katrin Ribbe

          Dann ist da noch Christines Sohn Steven, der sich durch sein Jurastudium quält und dessen größte Angst es ist, dass ihn sein Freund Andy verlässt. Doch sein überspanntes Gerede wirkt in der Tat so nervtötend, dass man jeden versteht, der vor ihm Reißaus nimmt. Und schließlich gibt es noch Christines Tochter Ashe, die mit dem Junkie Joe ein Kind bekommen hat und nun von ihm Unterhaltszahlungen fordert. Hier gelingt Simon Stephens das Kunststück, Joe mit wenigen Sätzen so zu charakterisieren, dass man einerseits von seinem schändlichen Verhalten gegenüber Ashe abgeschreckt wird, aber andererseits auch Mitgefühl für diesen Gescheiterten entwickelt.

          Dass keiner ans Telefon gegangen ist, als der Anruf vom Tod der Mutter kam, verübelt Christine ihrer Familie nicht. Als sie ihrer Tochter Ashe ein letztes Mal erscheint, kippt die Stimmung plötzlich sogar in Richtung Komödie.

          Es ist eine leise, feine Inszenierung, die man in Stuttgart zu sehen bekommt. Elmar Goerden zeigt mit unverschnörkelter Klarheit und eindrücklichen Bildern eine in prekären Verhältnissen lebende Familie aus Englands Norden, die versucht, das Beste aus allem zu machen, auch wenn sie weiß, dass sie damit nie hoch hinaus kommen wird. „Die Menschen sollten sich mehr umein­ander kümmern“, sagt einmal die unbekannte, als eine Art Engelsfigur auftretende Victoria. „Immer beim Busfahrer bedanken“, fügt Andy, der sich entziehende Geliebte, hinzu. Ein Ratschlag am Ende dieses sozialrealistischen Stücks, den man auch in der echten sozialen Wirklichkeit beherzigen könnte.

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