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„Deutschstunde“ in Hamburg : Im toten Winkel der Pflicht

  • -Aktualisiert am

Sie zittern und wanken: In Bettina Pommers Bühnenbild wird die Welt auf schwankende Inselchen reduziert. Bild: dpa

Traumwandlerisch sicher inszeniert Johan Simons die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz am Hamburger Thalia Theater. Ein Schulddrama, das schmerzt, aber nicht auf die Pelle rückt.

          3 Min.

          Es ist das Jahr 1943, als über den Maler Max Ludwig Nansen in einem Kaff in Norddeutschland ein Berufsverbot verhängt wird. Die unfrohe Kunde überbringt der übereifrige Dorfpolizist Jens Ole Jepsen und überwacht später auch, dass sein Freund – der dies natürlich nicht mehr lange sein wird – die Finger tatsächlich von Stift und Pinsel lässt. Aber der Maler will malen, der Polizist hingegen seine Pflicht erfüllen. Der eine plädiert für die Freiheit der Kunst, der andere für unbedingten Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Der eine hasst die Nationalsozialisten, der andere dient als treuer Beamter bedingungslos jeder Herrschaft. Dieser Konflikt, an dem sich weitere entzünden werden, bildet das dynamische Zentrum von Siegfried Lenz’ großem, im Jahr 1968 erschienenem Roman „Deutschstunde“.

          Im Thalia Theater Hamburg nimmt ihn der niederländische Regisseur Johan Simons jetzt ganz direkt beim Wort – und verzichtet in seiner Adaption auf Bilder, Farben, Schraffuren. Stattdessen sucht er nach einem Weg, das so umfang- wie inhaltsreiche Buch der „Vertikalität einer Theateraufführung“ anzupassen – und findet ihn mit geglücktem Reduktionismus jenseits von Illustration und Verdoppelung.

          Imaginationen im Widerstand

          Geradezu traumwandlerisch sicher inszeniert Johan Simons „Deutschstunde“ als pure Form und reines Kondensat, garniert nur mit ein paar akustischen Zutaten, wie dem lauten Knarzen von Holz, als würde sich ein Bootssteg bewegen, und am Anfang dem Kreischen der Möwen, während das Licht im Saal langsam verlischt. Die Bühnenbildnerin Bettina Pommer hat eine umgekippte Raumecke mit drei schiefwinkeligen Wänden aus hellen Planken entworfen, die seitlich von hohen Spiegeln reflektiert werden.

          Wie hinausgeworfen in eine schrecklich unwirtliche Welt, in der es nichts als ein paar knappe Vorsprünge gibt, an denen man sich abstützen kann, wirken die Schauspieler. Zwei Stunden lang krallen sie sich in diesem abweisenden toten Winkel fest, strapazieren die Gelenke mit unermüdlichem Bergab- und Bergaufrennen, rutschen in die Talsohle, hängen kopfüber von den Kanten. Sie spielen und sprechen mit hochkonzentrierter Schnörkellosigkeit und radikaler Plausibilität und betonen manchmal in distanzierenden rhetorischen Wendungen den Abstand zum Geschehen – etwa wenn die Figuren über sich in der dritten Person wie über Fremde reden.

          Es sind die geknickten, gekrümmten, angestrengt aufrechten Körper, die von Unterordnung und Widerstand, vom Vergessenwollen und Erinnernmüssen erzählen, egal, was die Buchstaben verkünden oder verschweigen. Im Grunde sind es die unsichtbaren Bilder, die sich der Maler Nansen in seiner inneren Emigration imaginiert, die hier zwischen den Sätzen sichtbar werden, weil die Phantasie der Zuschauer die Leerstellen der Inszenierung auszufüllen beginnt.

          Geschildert werden die Ereignisse durch den Sohn des Polizisten, den es 1954 in eine Besserungsanstalt verschlagen hat, wo er einen Deutschaufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss – und dabei über sein einundzwanzigjähriges Leben nachdenkt. Jörg Pohl zeigt diesen Siggi in den Rückblenden, wie er unverdrossen und mit offenem Sinn nach seinen Platz zwischen der Autoritätshörigkeit des Vaters und dem Unabhängigkeitsstreben des Künstlers fragt. Gabriela Maria Schmeide als seine Mutter hält sich sämtliche Auseinandersetzungen ebenso wie ihren Gatten vom Leibe, lästert mit ihm in einer der wenigen Szenen ehelichen Einverständnissen höchstens vulgär und faschistoid über Nansens Gemälde.

          Gedanken im Wanken

          Bei Sebastian Rudolph ist der Maler ein stolzer Nonkonformist, dessen Ansichten weder Sanktionen noch die SS beeinträchtigen können. Mit seiner weiten Hose, dem hellen Hemd, dem markanten Seitenscheitel und der schmalen Statur ähnelt er trotz aller Differenzen dennoch auffallend dem Dorfpolizisten Jepsen, den Jens Harzer dank seinem zähen Singsang zu einer Inkarnation norddeutscher Tranigkeit macht – und in der kritiklosen Unterwürfigkeit zu einem gefährlichen Komplizen jedweder Diktatur. Wenn sich das Bühnenbild irgendwann sacht erst auf die eine, dann auf die andere Seite neigt und alle sich bemühen, dies im Liegen auszugleichen, bleibt er als einziger stehen und hört einer Kantate von Johann Sebastian Bach zu („Wie zittern und wanken / Der Sünder Gedanken“), die kurzzeitig das üble Geflecht aus Schuld, Engstirnigkeit und Barbarei transzendiert.

          Die Pracht der souverän komponierten Aufführung ist von erlesener Kälte – sie schmerzt, ohne dass sie dem Publikum auf die Pelle rückt. Ästhetisch eigenständig und fern modischer Aktualisierungen lässt Johan Simons den Roman von Siegfried Lenz wie neu erscheinen: als klirrend kluges Theaterstück.

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