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„Siegfried“ in München : Schmiedet mir, Mimen, Komödiengelüst’

  • -Aktualisiert am

Mythenwitz und Körperkunst: Andreas Kriegenburgs und Kent Naganos bieten München einen neuen „Siegfried“. Erfrischend überraschend ist dabei der hell getönte Wagner Stil.

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          Eine Opernpremiere in München ist immer gut für ein paar Gerüchte. Bei der „Siegfried“-Premiere an Pfingsten wurde naturgemäß besonders heiß über jüngste Meldungen diskutiert, wonach Münchens scheidender Generalmusikdirektor Kent Nagano 2015 die musikalische Leitung der Hamburgischen Staatsoper übernehmen könnte. Und einige Auguren wollen sogar schon Zeichen überm Rhein gesichtet haben, die besagen, dass der in Köln gerade heftig gebeutelte Intendant Uwe Eric Laufenberg dann womöglich im Team mit Nagano an die Elbe wechseln könnte.

          Selbstredend wird eine solche Lösung derzeit von allen Seiten aufs heftigste dementiert - was dafür spricht, dass die Sache nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Zumal es eine gute Lösung wäre - hervorragend geeignet, dem unter Simone Young in programmatische Beliebigkeit abgerutschten Haus wieder einen Platz unter den führenden deutschen Opernbühnen zu verschaffen.

          Eine herzhafte Komödie

          Hamburg gibt noch in anderer Hinsicht das Stichwort für diese Münchener Premiere: Zweimal schon hat an der Elbe ein künstlerisch strauchelnder „Ring“ mit dem „Siegfried“ die entscheidende Wende geschafft. Und so wie Günter Krämer und jüngst Claus Guth erst den übermächtigen Gedankenballast abwerfen mussten, der jede Neudeutung des „Rings“ zu lähmen droht, schien sich nun auch Andreas Kriegenburg in München in einem Akt der Befreiung auf die Theatertugend eines gradlinigen, bühnenwirksamen und vor allem unverkrampften Erzählens besonnen zu haben.

          Zu seinem und unserem Glück erinnert er sich daran, dass dieses oft so gewalttätig wirkende Riesenwerk nicht bloß ein raffiniertes Kunstmärchen mit vielerlei Bezügen ist, sondern auch eine herzhafte Komödie. Selten hat in den letzten Jahren namentlich der erste Aufzug mit seinen gefährlich langen Wechselreden und den schnell ins Kraftmeierische abkippenden Schmiedegesängen derart leichtgewichtig, amüsant und dennoch geistreich gewirkt. Kriegenburg sucht sein Heil dabei gerade nicht in der szenischen Konzentration auf die wenigen Figuren; er geht vielmehr zurück an den starken Beginn seiner „Rheingold“-Inszenierung. Wie sich dort eine Hundertschaft paradiesischer Unschuldswesen am Ufer des Urstroms zusammenfand, um als mythische Gauklertruppe den wogenden Weltanfang nachzuspielen, nutzt Kriegenburg seine hochmotivierte, stets flinkfüßig agierende Statistenschar auch hier mit Witz und Ideenreichtum. Sie zitieren zwanglos die in der „Wissenswette“ erwähnten Über- und Unterweltssphären herbei, bilden ein erotisch zuckendes Flammenmeer um den Brünnhildenfelsen und beleben nicht zuletzt das Riesenhaupt des Drachenwurms, das furchterregend vom Bühnenhimmel herabzüngelt.

          Das bezwingendste Arrangement gelingt Kriegenburg indes schon am Schluss des ersten Akts: Mimes muffige Zwergen-Esse verwandelt sich da flugs in einen surrealen Abenteuerspielplatz mit Akrobaten, einem riesigen Blasebalg, muskelbepackten Supermännern, die im Schmiede-Rhythmus zarte Fräulein (ver)schaukeln, und einem Konfettiautomaten, der bei jedem Schlag auf den Amboss lustige Fontänen sprüht - ein bezauberndes Sinnbild für das pubertäre Durcheinander im Kopf des ständig manipulierten „hehrsten Helden der Welt“ und seinen erzwungenen Abschied von der Kindheit.

          Auf wundersame Weise harmoniert diese Inszenierung der leichten Hand mit Kent Naganos ungewöhnlich hell getöntem, nie mythisch verwabertem Wagner-Stil, der zeitweilig näher bei Mendelssohns Sommernachtsgeflirre und Webers Wolfsschluchtspukereien ist als bei der symphonischen Opulenz der Spätromantik. Was in den ersten beiden „Ring“-Teilen durchaus einen Verlust an Klangtiefe und manchmal auch an Geheimnis mit sich brachte, kommt hier dem stringenten Ablauf der Komödienhandlung zugute. Umgekehrt überrascht es kaum, dass Nagano wie Kriegenburg im stilistisch so völlig anders gelagerten dritten Aufzug mit seinen wallenden Urnebeln und den bis ins Übermenschliche gesteigerten Gefühlsekstasen am wenigsten überzeugen. Beide haben offenkundig ein entschiedenes Pathos-Problem - was im Hinblick auf die „Götterdämmerung“ einige Sorge bereitet.

          Gleichwohl vollzieht sich rein sängerisch gerade am Schluss ein weiteres Wunder dieser Aufführung: Catherine Naglestad als strahlende Brünnhilde und der nicht im mindesten ermüdete Lance Ryan als Siegfried bewältigen ihr finales Duett, dass es eine einzige Pracht ist. Auch mit dem brillanten Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Mime, Wolfgang Koch als zerquältem Alberich, dem unherrischen Wanderer von Thomas Mayer und dem entzückenden Waldvogel von Anna Virovlansky (die dem grimmigen Fafner von Rafal Siwek flatterfrech den letzten Stoß versetzt) sind hier Sänger versammelt, die ihre Partien nicht bloß irgendwie bewältigen, sondern wirklich gestalten. Das ist angesichts des vorherrschenden Mittelmaßes im aktuellen Wagner-Gesang fast schon eine Sensation - und eine Wohltat für die Ohren.

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