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„Siegfried“ in Kassel : Der Zoff macht mehr Spaß als die Liebe

  • -Aktualisiert am

In Vorahnung eines kommenden Weltenbrandes: Kasseler Bürgerinnen und Bürger in der Kulisse zu Richard Wagners „Siegfried“ Bild: N. Klinger

„Siegfried“ von Richard Wagner erscheint in Kassel als sarkastische Beziehungskomödie. Schauspielleiter Markus Dietz verleiht der Sage damit eine gehörige Portion Schwarzen Humor. Das verheißt Gutes für den ganzen „Ring“.

          3 Min.

          Zwar hielt der nie bescheidene Richard Wagner seinen ersten „Siegfried“-Akt für ganz besonders gelungen – doch in der Bühnenwirklichkeit können diese achtzig Minuten mit lediglich drei Akteuren eine ziemliche Heimsuchung sein. Die Wissenswette zwischen dem Weltenwanderer Wotan und Mime beispielsweise, sechs gemächlich durchgekaute Fragerunden lang, bereitet auch Menschen, die dem Bayreuther Meister sonst von Herzen zugetan sind, meist nur gedämpfte Freude.

          Markus Dietz aber, der seinen Kasseler „Ring“ mit munterer Vitalität weitertreibt, lässt sich auch da nicht kopfscheu machen: Er verankert die Vorgänge in jener bei Wagner ja durchaus latenten, aber sonst oft mit allerlei Bedeutungsmüll zugeschütteten Märchenwelt, die das Hintergründige in deftig-naiver Direktheit aus dem Handeln der Figuren selbst erwachsen lässt. Ganz natürlich entfalten sich so auch die schwarzhumorigen Zuspitzungen des von beiden Seiten mit maximaler Fiesheit ausgetragenen Generationenkonfliktes: Während Jung-Siegfried von seinem Ziehvater Mime mit bunter Kinderbettwäsche und Plüschtieren infantilisiert wird, schmeißt er ihm im Gegenzug einen Bärenkadaver in die Hütte und versenkt, hämisch nachlässig, neben prallen Papierbündeln und blauen Säcken auch eine Computertastatur im Schmiedefeuer.

          Ines Nadler hat dafür eine schön gruselig vermüllte Männer-WG auf die Bühne gestellt, in der – wie dann auch weiterhin – Christian Franzens Lichtregie die Atmosphäre entscheidend mitprägt. Wenn hier der Rotzlöffel Siegfried, in Daniel Brennas Verkörperung ein rosig aufgefüttertes Riesenbaby, seinen schmierig bauernschlau taktierenden Alten kujoniert, zeigt sich auch, dass beide einander ähnlicher sind, als sie wünschen mögen: nicht nur in ihrer gediegenen Leibesfülle, sondern auch im spiegelbildlichen Changieren zwischen Rohheit und Sentimentalität. Dabei gestaltet Arnold Bezuyens seinen Mime mit quecksilbrig zappeligem Spiel und kreischig insistierender Altherrenstimme als zerrüttet-gequältes Frustbündel – ein Charakter, den man nicht so schnell vergessen kann.

          Francesco Angelico und das Staatsorchester formten von Beginn an nachdrücklich Klanggrund und Bewegung, wahren dabei hohe Transparenz und (lange etwas zu viel) sängerdienliche Diskretion. Zu welcher Farbintensität das Ensemble fähig ist, zeigte es dann beispielsweise im Vorspiel zum dritten Akt. Freilich korrespondierte dieser Emanzipation des Instrumentalen ein stufenweiser Rückbau der szenischen Konkretheit. Nur stellenweise blitzte noch, so im letzten Macho-Duell zwischen Wotan und Siegfried, die ironisch gebrochene Direktheit des Eingangsaktes auf; ansonsten verlief sich die Inszenierung im gleichen Maße, wie Wagners Libretto zunehmend mythologisch-Transzendentes einspeist, immer stärker im Abstrakten.

          Schwertkämpfe und ringelnde Lindwürmer sind offenkundig Dietz’ Sache nicht. Bei ihm wird Fafners Neidhöhle zum düsteren Internierungs- und Vernichtungsort einer von schmatzendem Kannibalismus bedrohten, stumm verschreckten Statisterie; und nachdem Riese wie Zwerg letal erledigt sind, bleibt für den Walkürenfelsen im Schlussbild nur noch ein monochromer Kasten, in dessen frostiger Atmosphäre sich die Liebesspiele zwischen Siegfried und Kelly Cae Hogans Brünnhilde recht täppisch anlassen, weil Brennas pubertäre Direktheit in solch einer Situation eher peinlich als amüsant wirkt und das statische Spiel der Walküre dem wenig entgegenstellen kann. Stimmlich fehlt es beiden etwas an blühender Weichheit und auratischem Glanz, doch im übrigen sind ihre Leistungen tadellos; einen Siegfried, der sich so konditionsstark und mit straff-kühlem Timbre durch die drei Akte singt, wird man nicht alle Tage finden.

          Noch prägendere vokale Charaktere waren, neben Bezuyens Mime, zwei weitere Männerstimmen, besonders bei ihrer direkten Begegnung im Mittelakt: der Wanderer von Egils Silinš (im schnittigen Karl-Lagerfeld-Gedenk-Look, Kostüme: Henrike Bromber) und Thomas Gazhelis Alberich – markant profilierte, durchdringend raumfüllende Bassbaritone, der Bayreuth-erfahrene Silinš mit überströmender Majestät, Gazheli mit metallischer Härte.

          Optisch gab es einen Extrabonus durch den von Dalia Velandia entzückend animierten Waldvogel (dessen singendes Pendant, Elizabeth Bailey, seine Sache ebenfalls gut machte), der Wagners Bühnenanweisungen als Vermittler gestisch übersetzte: organischer Bestandteil einer Inszenierung, die jetzt erst einmal den Winter über nachreifen kann, ehe dann im März mit der „Götterdämmerung“ dieser Kasseler „Ring“ zu Ende geschmiedet und die ganze Tetralogie im Zusammenhang zu sehen sein wird. Nimmt man den Teil fürs Ganze, scheint sich da ein anregendes Angebot in Sachen Wagner zu runden.

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