https://www.faz.net/-gqz-8jz2u

Schauspieler Shenja Lacher : „Ich zerfleische mich schon selbst“

  • -Aktualisiert am

König ist ein Schauspieler oft, aber er will auch mitentscheiden: Shenja Lacher 2013 als Orest am Residenztheater. Bild: Andreas Pohlmann

Unter dem Deckmantel der Kunst herrscht die Willkür. Nun kehrt ein besonders leidenschaftlicher Schauspieler dem Theater den Rücken: Shenja Lacher verlässt das Münchner Residenztheater. Im Interview rechnet er ab.

          5 Min.

          Sie haben beim Münchner Residenztheater gekündigt. Warum?

          Weil es nicht mehr geht! Ich brauche Zeit für mich und meine Familie. Ich liebe Theater über alles, aber die Strukturen innerhalb des Theaters sind mir zu autokratisch, fast noch feudalistisch. Das ist nicht neu, ich weiß, aber ich möchte mich diesem System nicht mehr aussetzen und zur Verfügung stellen.

          Aber offenbar lässt sich an diesen Strukturen ja nichts ändern.

          Da wäre ich mir nicht so sicher. Das bundesweite „ensemble-netzwerk“ beschäftigt sich derzeit mit einer Theaterreform. Es gab eine erste bundesweite Ensemble-Versammlung vor einiger Zeit. Das Residenztheater war leider nicht vertreten. Es wurde über Gagen, Nichtverlängerungsschutz, Mutterschutz, Arbeitszeiterfassung, Mitbestimmung und den Schutz der Ensemblevertretung geredet. Das alles sind Dinge, die völlig normal sein sollten, auf die aber im Theater unter dem Deckmantel der Kunst keine Rücksicht genommen wird.

          Was für einen Vertrag hatten Sie?

          Ich war seit 2007 am Residenztheater angestellt mit fortlaufenden Jahresverträgen. Der 31. Oktober ist ja immer der Stichtag, an dem der Vertrag eines Schauspielers verlängert wird oder eben nicht. Ich habe das mal selbst in die Hand genommen und nicht verlängert.

          Hängt es allein vom Intendanten ab, wer bleiben kann und wer nicht?

          Irgendwie schon. Wenn du nach Meinung eines Intendanten etwas in den Sand gesetzt hast, könnte eine Nichtverlängerung aus künstlerischen Gründen drohen. Ob diese Gründe nun stimmen oder nicht - sie entsprechen der gefühlten Wahrheit eines Intendanten, und verletzend sind solche künstlerischen Gründe ja eh immer. Das ensemble-netzwerk fragt nun, warum es am Theater eigentlich autokratisch bleiben muss. Warum hat ein einzelner Intendant das Recht, sich über alle beteiligten Künstler hinwegzusetzen und nur seine künstlerischen Interessen durchzusetzen? Warum darf bei einem Intendantenwechsel ein fast komplettes Ensemble gekündigt werden, obwohl die Leute super Schauspieler sind und sich verdient gemacht haben?

          Wie präsent ist ein Intendant?

          In den Endproben sitzt ein Intendant meist mit der Dramaturgie in den Durchläufen, und hinterher bekommen wir Kritik. Das ist normal. Meist hat die Meinung eines Intendanten aber mehr Gewicht. Ich frage mich, warum. Einer kann sich doch auch irren, und Schauspieler haben auch eine wichtige Meinung. Außerdem gibt es ja nicht nur den Intendanten, sondern zum Beispiel auch viele kluge Dramaturgen. Fünf Menschen sind zusammen klüger als ein einzelner. Diese letzten Proben sind ein künstlerisch sensibler Prozess und müssen geschützt werden. Man muss einander zuhören und vertrauen. Nur Material zu sein, das ist mir zu wenig. Ich habe auch was zu erzählen.

          Hat sich das Regietheater überlebt?

          Es geht nicht darum, Regisseure abzuschaffen, aber es ist ein gemeinsamer Prozess, und der Schauspieler ist nicht nur der Pinsel eines Regisseurs. Wir haben in Deutschland eine so reiche Theaterkultur, die ist mit keinem Land vergleichbar. Das ist ein Kulturgut, das wir hochhalten und beschützen müssen. Das habe ich damals in Zittau miterlebt. Wir sind gegen die Schließung des Theaters auf die Straße gegangen. Heute kämpft Zittau immer noch um den Erhalt des Theaters.

          Wie sollte die Kommunikation am Theater aussehen?

          Wenn alle durcheinanderreden, gibt es ein Chaos. Es braucht natürlich einen Spielleiter - aber bitte mit Respekt. Das fordert auch das ensemble-netzwerk: Kunst auf Augenhöhe. Die Intelligenz eines Ensembles, die muss man anzapfen.

          Ist Angst zentrales Thema am Theater?

          Die Angst war mein Thema. Sie ist auch Motor für meine Rollen. Ich bin damit aufgewachsen, dass der Ton im Theater rauher ist. Warum eigentlich? Langsam kriege ich davon Tinnitus. Du kannst mir die Sachen ja normal sagen. Ich habe so viel Feuer in meinem Arsch, das ich mich allein pushen kann. Sag es mir normal und erwachsen. Ich habe genug eigenen Antrieb, um keine Rolle in den Sand setzen zu wollen. Ich spiele nicht einfach meinen Stiefel runter. Lieber kotze ich, weil ich merke, o Gott, heute bin ich schlecht, und dafür zahlen die Leute auch noch Geld. Ich zerfleische mich schon selbst und mache mich genug kaputt für meine Rollen. Ich brauche niemanden, der mich anschreit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.