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Ballett im Kraftwerk : Die Leere hat die Kunst verschluckt

  • -Aktualisiert am

Die L-E-V Dance Company mit „Wet“ im Berliner Kraftwerk Bild: Nadine Fraczkowski

Technobabies in der Industrieruine: Im Berliner Kraftwerk Mitte wird „Wet“ uraufgeführt, die neueste Choreographie von Sharon Eyal. Bei ihr gerät der Tanz binnen kurzer Zeit zur Dekoration.

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          Die Berliner gehen weiter tapfer aus, um ihre Lieblingswirte nicht im Stich zu lassen. An den ersten drei Tischen im „Grill Royal“, den Sehen-und-gesehen-werden-Tischen, trinkt man Gin Tonic, weil man um diese Uhrzeit einfach noch nicht nach Hause gehen kann. Etwas entfernter in der Köpenicker Straße liegt das aufgelassene Ostberliner Heizkraftwerk, in dem 2007 Dietmar Maria „Dimitri“ Hegemann einen neuen Klub eröffnete, den zweiten „Tresor“, nachdem der legendäre erste von Investoren aus der Leipziger Straße vertrieben worden war. Hier ist er seitdem sicher; das Betonmonster abzureißen würde ein Vermögen kosten, es in Shops oder Wohnungen umzubauen auch. Aber die Zeiten, in denen das ehemalige Kaufhaus Tacheles von Künstlern besetzt wurde, sind lange vorbei. Ohne entsprechende Einnahmen kann man gar nichts halten. Was also ist das Geschäftsmodell Hegemanns?

          Das Kraftwerk, fast zeitgleich mit der Mauer gebaut, heizte die neuen Wohnungen derer, die geblieben waren, bis man im Winter leicht bekleidet die Fenster aufreißen musste, so schwer war es, den Wärmeüberfluss zu regulieren. In diesem Winter ist es der israelischen „L-E-V Dance Company“ um die Choreographin Sharon Eyal für zwei Monate zum Lebens- und Probenort geworden. Mit seinen gigantischen Ausmaßen und seinem mit Betonsäulen verstellten Inneren ist es eine an die Filme Andrej Tarkowskis erinnernde Industrieruine, fast wie ein in die düstere deutsche Vergangenheit führendes Labyrinth. Hegemann hat eine lange Geschichte als Nachtunterhalter der Stadt. Vor zwanzig Jahren wurde er im legendären „Dschungel“ meistens nicht reingelassen. Wie kann man sich dafür besser rächen, als selbst etwas aufzumachen? Jetzt führt er das „Kraftwerk Berlin“.

          Partyvolk unter Dinosauriern

          An den Decken im Einlassbereich hängen Heizstrahler, unter denen sich Dinosaurier wärmen lassen könnten, so riesig sind sie. Hegemann muss Einnahmen generieren, sonst kann er nicht mal seine Stromrechnung bezahlen, das ist klar. Das Publikum versteht das. Es zahlt, anders als in einer Galerie, um Robert Irwins Lichtinstallation „Light and Space“ im oberen Stockwerk zu sehen, eine riesige freistehende, von beiden Seiten mit geometrisch angeordneten Leuchtröhren bestückte Wand. Eingemietet hat sich mit der Ausstellung  „Light Art Space“, eine von Jan Fischer und Bettina Kames geleitete Stiftung, die auch für Eyals Residenz aufkommt. Zwei Monate lang hat die israelische „L-E-V Dance Company“ hier gearbeitet, und um die Premiere „Wet“ zu sehen, zahlt das Publikum 50 Euro für eine Karte.

          Farbgebung: Szene aus der Aufführung der Choreographie von Sharon Eyal.
          Farbgebung: Szene aus der Aufführung der Choreographie von Sharon Eyal. : Bild: Nadine Fraczkowsk

          Alle tragen Schwarz, viele Trainingsanzug, man schminkt sich nicht und trägt nur Taschen von in der Kunstwelt akzeptierten Labels. Das hier ist nicht dasselbe Publikum, das sich die umwerfenden Choreographien Eyals an der Staatsoper anschaut. Die Verbindung ist eher die Musik von CURL, Koreless und Ori Lichtik, schweißtreibend laute, elektronische Musik, deren Beats die Tänzer anfeuern.

          Im dritten der jeweils etwa zwanzigminütigen Tänze steht eine echte Band in der Mitte; Tänzer schlängeln sich um sie herum wie stumme Background-Sängerinnen. Das Bühnenviereck ist nicht nur von Säulen umstanden, einige stehen in der Mitte und behindern die Sicht. Das Publikum sitzt in U-Form an drei Seiten um die Fläche herum. Eyals sechs großartige Tänzer tragen staubgraue Trikots und schwarze Herrensocken. Wie seltsame Vögel setzen sie ihre Füße energisch auf, um sie sofort wieder hochzuziehen, als versetzte ihnen der Boden leichte elektrische Schläge. Das Unbeteiligte, Ferngesteuerte ihrer Anmutung fasziniert, umso mehr, als man die Tänzer von so nah betrachten kann, dass man sieht, dass ihre Körper ohne Makel sind und ihre Ausstrahlung völlig unbeeinflussbar ist von ihrer Umgebung, Mittanzenden oder Zuschauenden. Nur beginnt nach einer erschreckend kurzen Weile dieser phänomenale Auftritt seine Strahlkraft zu verlieren. Der Raum dominiert, der Tanz wird zur Dekoration, die Aufführung zur Schau. An diesem umgenutzten Raum lässt sich studieren, was das monstre sacré, der Theaterbühnenraum, den Choreographien Eyals sonst schenkt: die unbeschriebene, unkonnotierte Leere und Dunkelheit, die sie allein mit Licht und Körpern aufreißen kann, freier Raum, der weder Marketingevents noch Sexparties gekannt hat.

          Nachtrag: Zur Stiftung Light Art Space und den Preisen für den Besuch der Lichtinstallation „Light and Space“ haben wir im Artikel zwei Angaben korrigiert. Nach Angaben der Stiftung beträgt der Eintrittspreis für die Installation zehn Euro (reduziert fünf Euro).

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