https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/shakespeares-was-ihr-wollt-an-der-comedie-francaise-in-paris-15810211.html

„Was ihr wollt“ in Paris : So möchte man fühlen können

Noch nicht ganz an- oder fast schon ausgezogen? Szene aus Thomas Ostermeiers Pariser Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“. Bild: Jean-Louis Fernandez/Comédie-Française

Schiffbrüchige, süchtig nach Spiel und Erregung: Thomas Ostermeier inszeniert William Shakespeares „Was ihr wollt“ mit viel Takt und feinem Sinn an der Comédie Française.

          4 Min.

          Eine Pointe von Shakespeares „Was ihr wollt“ lässt sich heute nicht mehr leicht wiederholen. Im Theater um 1600 wurden alle Figuren von Männern gespielt. Was war es also für ein übermütiger Spaß, wenn in „The Twelfth Night“, der Nacht vor dem Karneval, ein männlicher Schauspieler eine Frau spielte, die gestrandete Viola, die sich im Stück als Mann tarnt, der bei einer Frau, der Gräfin Olivia, die ebenfalls von einem Mann gespielt wurde, um deren Hand für den Inselherrscher Orsino anzuhalten, woraufhin sich die Umworbene in den Liebesboten Césario verliebt, der für sie ein Mann ist, für uns eine Frau, an sich aber ein Mann.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Doch was heißt in Shakespeares Transgender-Studie eben schon „an sich“ und „für sich“ und „für uns“? In der letzten Szene des Stücks spürt man förmlich das Bedauern der Gräfin, dass sich, dem Gesetz der Komödie folgend, auf der Schwelle zur Eheschließung alle Paare ordnen. Musste denn das schöne Durcheinander jener Wahrnehmung ein Ende finden, die ganz auf Kostümen sowie dem Willen beruhte, im Gegenüber etwas Bestimmtes zu sehen? Der junge Mann, den sie küsste, war ein Mädchen? Oh.

          Ein Stück voll Widerrede

          In der Pariser Comédie Française hat jetzt ein Deutscher, Thomas Ostermeier, seines Zeichens Intendant der Berliner Schaubühne, Shakespeare auf Französisch inszeniert, in einer neuen Übersetzung von Olivier Cadiot, die alte Verse und heutige Redeweisen mischt. Auch das ist Europa: ein Vergnügen. Es gibt virtuose Einlagen, etwa wenn die Rüpel als Stand-upKomödianten über den Leibwächter Emmanuel Macrons herziehen. Es gibt ständig kleine Nebenscherze, beispielsweise wenn das Personal von „La nuit des rois“ („Die Dreikönigsnacht“), wie das Stück auf Französisch heißt, „Hamlet“ zitiert oder wenn Ostermeier den Stil der Choreographin Sasha Waltz imitiert, mit der er sich einst an der Berliner Schaubühne überwarf. Vor allem aber gibt es ein Ensemble zu sehen, dem es offensichtlich gefällt, außerhalb klassischer französischer Sprechkunst dem Affen Zucker zu geben. Und eine Regiearbeit, der es guttut, an einem Ort stattzufinden, der große Konzentration auf den Text legt.

          „Was ihr wollt“ ist ein Stück über den Anteil der Schauspielerei an der Liebe, ein Stück voller Sätze, die auf halbem Weg wieder kehrtmachen, der Widerrede gegen sich selbst, des Protests gegen die eigene Rolle, des Leidens und Vergnügens an Verstellung. Thomas Ostermeier hat es genauso komisch und bitter inszeniert, wie es ist. Fast möchte man von Werktreue sprechen, auf jeden Fall aber von großer Aufmerksamkeit für die Zwischentöne des Textes und von großer Eleganz der Figurenführung.

          Der weiße, meist neonhell erleuchtete Bühnenraum von Nina Wetzel, die auch wunderbar passende Kostüme entworfen hat, zeigt einen Strand, ein paar Palmen, einen Thron, zwei Felsen sowie dann und wann Affen unbekannten Geschlechts. Man ist in einem mediterranen Inselreich, schiffbrüchig und verloren die einen, schwermütig und sich selbst stilisierend die anderen, dazwischen die ewig streitenden Rüpel. Übers Parkett führt ein Steg für Auftritte und Abgänge, eine Art Planke. Sie ist genau so breit, dass sie Drehungen um die eigene Achse, also den Abbruch von Auftritten und Abgängen, zulässt, und genau so schmal, dass vor allem bei den komischen Sprints von Christophe Montenez als Sir Andrew und den Showeinlagen der anderen Trottel – unglaublich komisch und der Star des Abends: Laurent Stocker als intriganter Säufer Sir Toby – immer ein Absturz befürchtet werden muss.

          Weitere Themen

          Im Rahmen des Möglichen

          Theaterpremieren in Paris : Im Rahmen des Möglichen

          Zwei Schauspielabende ohne Adrenalinkick: Das Pariser Odéon-Theater eröffnet die neue Saison mit dem Existenzstück „Zeit für Freude“ von Arne Lygre und einer dokumentarischen Recherche im Milieu humanitärer Hilfsorganisationen vom neuen Leiter des Festival d’Avignon.

          Topmeldungen

          Sucht nach einem Ausweg aus der Krise: Die Schweizer Großbank Credit Suisse.

          Schweizer Großbank : Credit Suisse im freien Fall

          Ängste vor einer Kapitalerhöhung treiben den Aktienkurs der krisengeschüttelten Großbank in den Keller. Mitarbeiter und Kunden sind verunsichert.
          Daumen hoch: Niclas Füllkrug kommt in acht Spielen auf sieben Saisontore.

          Haaland, Lewandowski – Füllkrug! : Ein Torjäger für Deutschland

          Der DFB-Auswahl täte ein klassischer Neuner wie Erling Haaland oder Robert Lewandowski gut. Bei Werder Bremen gibt’s einen, den Hansi Flick vor der WM getrost anrufen könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.