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„Was ihr wollt“ in Paris : So möchte man fühlen können

Noch nicht ganz an- oder fast schon ausgezogen? Szene aus Thomas Ostermeiers Pariser Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“. Bild: Jean-Louis Fernandez/Comédie-Française

Schiffbrüchige, süchtig nach Spiel und Erregung: Thomas Ostermeier inszeniert William Shakespeares „Was ihr wollt“ mit viel Takt und feinem Sinn an der Comédie Française.

          Eine Pointe von Shakespeares „Was ihr wollt“ lässt sich heute nicht mehr leicht wiederholen. Im Theater um 1600 wurden alle Figuren von Männern gespielt. Was war es also für ein übermütiger Spaß, wenn in „The Twelfth Night“, der Nacht vor dem Karneval, ein männlicher Schauspieler eine Frau spielte, die gestrandete Viola, die sich im Stück als Mann tarnt, der bei einer Frau, der Gräfin Olivia, die ebenfalls von einem Mann gespielt wurde, um deren Hand für den Inselherrscher Orsino anzuhalten, woraufhin sich die Umworbene in den Liebesboten Césario verliebt, der für sie ein Mann ist, für uns eine Frau, an sich aber ein Mann.

          Doch was heißt in Shakespeares Transgender-Studie eben schon „an sich“ und „für sich“ und „für uns“? In der letzten Szene des Stücks spürt man förmlich das Bedauern der Gräfin, dass sich, dem Gesetz der Komödie folgend, auf der Schwelle zur Eheschließung alle Paare ordnen. Musste denn das schöne Durcheinander jener Wahrnehmung ein Ende finden, die ganz auf Kostümen sowie dem Willen beruhte, im Gegenüber etwas Bestimmtes zu sehen? Der junge Mann, den sie küsste, war ein Mädchen? Oh.

          Ein Stück voll Widerrede

          In der Pariser Comédie Française hat jetzt ein Deutscher, Thomas Ostermeier, seines Zeichens Intendant der Berliner Schaubühne, Shakespeare auf Französisch inszeniert, in einer neuen Übersetzung von Olivier Cadiot, die alte Verse und heutige Redeweisen mischt. Auch das ist Europa: ein Vergnügen. Es gibt virtuose Einlagen, etwa wenn die Rüpel als Stand-upKomödianten über den Leibwächter Emmanuel Macrons herziehen. Es gibt ständig kleine Nebenscherze, beispielsweise wenn das Personal von „La nuit des rois“ („Die Dreikönigsnacht“), wie das Stück auf Französisch heißt, „Hamlet“ zitiert oder wenn Ostermeier den Stil der Choreographin Sasha Waltz imitiert, mit der er sich einst an der Berliner Schaubühne überwarf. Vor allem aber gibt es ein Ensemble zu sehen, dem es offensichtlich gefällt, außerhalb klassischer französischer Sprechkunst dem Affen Zucker zu geben. Und eine Regiearbeit, der es guttut, an einem Ort stattzufinden, der große Konzentration auf den Text legt.

          „Was ihr wollt“ ist ein Stück über den Anteil der Schauspielerei an der Liebe, ein Stück voller Sätze, die auf halbem Weg wieder kehrtmachen, der Widerrede gegen sich selbst, des Protests gegen die eigene Rolle, des Leidens und Vergnügens an Verstellung. Thomas Ostermeier hat es genauso komisch und bitter inszeniert, wie es ist. Fast möchte man von Werktreue sprechen, auf jeden Fall aber von großer Aufmerksamkeit für die Zwischentöne des Textes und von großer Eleganz der Figurenführung.

          Der weiße, meist neonhell erleuchtete Bühnenraum von Nina Wetzel, die auch wunderbar passende Kostüme entworfen hat, zeigt einen Strand, ein paar Palmen, einen Thron, zwei Felsen sowie dann und wann Affen unbekannten Geschlechts. Man ist in einem mediterranen Inselreich, schiffbrüchig und verloren die einen, schwermütig und sich selbst stilisierend die anderen, dazwischen die ewig streitenden Rüpel. Übers Parkett führt ein Steg für Auftritte und Abgänge, eine Art Planke. Sie ist genau so breit, dass sie Drehungen um die eigene Achse, also den Abbruch von Auftritten und Abgängen, zulässt, und genau so schmal, dass vor allem bei den komischen Sprints von Christophe Montenez als Sir Andrew und den Showeinlagen der anderen Trottel – unglaublich komisch und der Star des Abends: Laurent Stocker als intriganter Säufer Sir Toby – immer ein Absturz befürchtet werden muss.

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