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Shakespeare in Köln : Trostlos in Troja

Der Vordergrund der Bühne im „Depot 1“ gehört den Trojanern, denen drei einfache Sitzbänke genügen. Bild: Tommy Hetzel

Das Kölner Schauspiel wagt sich unter Regisseur Rafael Sanchez daran, Shakespeares unpopuläres Stück „Troilus und Cressida“ zu inszenieren. Das Stück gilt als schwer spielbar.

          3 Min.

          „Vergessen Sie Romeo und Julia! Hier kommen Troilus und Cressida. Vor den Kulissen Trojas erzählt Shakespeare von der Gewalt der Liebe und der alles zersetzenden Wirkung des Krieges.“ Wer so – ganzseitig und in blutroter Farbe – für seine Inszenierung der Tragikomödie wirbt und dieses, so wird es taxiert, „unpopulärste“ Stück des Elisabethaners demonstrativ über dessen populärstes stellt, der muss großes Vertrauen in das Werk haben, von dem schon Ulrich Bräker sagte, dass er es „lieber lesen als auf der Bühne sehen“ wollte, und er muss auch fest daran glauben, es von dem Nimbus der Schwer-Spielbarkeit befreien zu können. Rafael Sanchez heißt der Regisseur, der sich am Schauspiel Köln dieser Herausforderung stellt.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Sieben Jahre schon währt die Belagerung Trojas durch das griechische Herr, noch immer ist ein Ende nicht abzusehen. Der Aufwand des Krieges steht in keinem Verhältnis mehr zu seinem Anlass, die Helden sind müde, hängen hohl gewordenen Ehrbegriffen nach, zerreiben sich in Männereitelkeiten und Intrigen. Zunehmend ratlos und erschöpft stehen sich beide Seiten gegenüber. Die Kölner Aufführung zeigt zwei Welten: Der Vordergrund der Bühne im „Depot 1“ gehört den Trojanern, die hier – drei einfache Sitzbänke genügen – auf den Ausgang der Kämpfe warten, ein bürgerlich-dekadenter Hofstaat, die Herren im Zweireiher und vornehm geschniegelt, Pandarus trägt, ganz in schwarz, Stiefel und Rüschenhemd.

          Bruno Cathomas gibt diesen Onkel der Cressida als einen sich tuntig spreizenden Spaßvogel und rückt ihn schnell in den Mittelpunkt. Gewitzt und genüsslich verkuppelt er die Tochter des zu den Griechen übergelaufenen Kalchas mit Troilus, dem Sohn des Priamus. Wie das junge Liebespaar (Nikolaus Benda als redlich-impulsiver Troilus, Nicola Gründel als liebreizende Cressida) turtelt und schnäbelt, um endlich – sicher ein Dutzendmal war es fast so weit – in den ersten Kuss zu sinken, wie es, verstrubbelt und nur in weiße Laken gehüllt, aus der ersten Liebesnacht tapert, das hat, brav und breit ausgespielt, die anmutige Harmlosigkeit einer Boulevardkomödie. Die schöne Helena, die der Trojanerprinz Paris dem Spartanerfürsten Menelaus geraubt hat, überragt die leichte Gattung nur äußerlich: In einem großen Reifrock, der sie wie auf Stelzen erscheinen lässt, wird Katharina Schmalenberg hereingefahren, eine Disco-Diva, die der glänzenden Schatulle, deren Bronzeton sich bis in ihre Turmfrisur fortsetzt, feierlich entsteigt – und in Jogginghosen dasteht.

          Jakob Leo Stark als Hektor
          Jakob Leo Stark als Hektor : Bild: Tommy Hetzel

          Die Griechen lagern und lungern im Hintergrund. Der Bühnenbildner Simeon Meier hat ihnen einen düsteren (deutschen?) Wald gebaut, der auf einem drehbaren Spielquadrat steht. Mächtige Stämme wachsen, dicht an dicht und nur bis zu den Zweigen sichtbar, in die Höhe. Auf jeder Seite öffnet sich ein anderer Ort: Raschelndes Dickicht und kahle Hölzer, Lichtung mit Pappmachefelsen und Zelt mit Matratzen. Hier haben sich die Heerführer eingerichtet, das temporäre Camp ist zur schäbigen Bleibe heruntergekommen. Tumbe Recken mit althippiehaften Mähnen oder Irokesenschnitt hausen hier, barfüßig, in Lederhosen und die nackten Oberkörper mit Riemen verschnürt. Ihr selbstherrlicher Superheld Achilles (mit pikiertem Stolz: Robert Dölle) treibt es mit seinem Lustknaben Patroklos, und als Cressida für den trojanischen Feldherrn Antenor ausgetauscht wird und den abgehalfterten, ausgehungerten Kriegern in die Hände fällt, vergreifen die sich einer nach dem anderen an ihr. Nicht aus Zuneigung, sondern schlicht um ihre Haut zu retten, lässt sie sich mit dem schmierigen Diomedes ein.

          Die liebreizende Cressida im weißen Kleid, gespielt von Nicola Gründel
          Die liebreizende Cressida im weißen Kleid, gespielt von Nicola Gründel : Bild: Tommy Hetzel

          So hart, gegenwärtig und konkret wird die Inszenierung nur selten. Ihr Problem ist ein ganz grundsätzliches: Sie findet keinen Zugriff, die beiden Welten, die das Stück zeigt und die Ausstattung noch stärker trennt, sinnfällig aufeinander zu beziehen und konfliktschärfend in Spannung zu versetzen. Zu weit und unvermittelt bleiben Griechen und Trojaner nebeneinander stehen: zivilisatorisch, aber auch zeitlich. Rafael Sanchez setzt das sperrige, disparate Drama wie eine (romantische) Oper ohne Gesang auf die Bühne, als weithin adrettes, langatmiges, szenisch unterkomplexes Aufsagetheater. Trostlos in Troja. Der Anspruch, mit „Troilus und Cressida“ mal eben „Romeo und Julia“ überbieten zu können, wird in Köln auch nicht ansatzweise eingelöst. Dann doch, auch wenn das die Spatzen von allen Theaterdächern pfeifen, lieber „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“.

          Weitere Aufführungen

          Sonntag, 14. Februar, 18 Uhr (ausverkauft)
          Mittwoch, 17. Februar, 19.30 Uhr (18.45 Uhr Einführung)
          Samstag, 20. Februar, 19.30 Uhr
          Sonntag, 28. Februar, 16 Uhr (15.30 Uhr Einführung)

          Dienstag, 8. März, 19.30 Uhr (19 Uhr Einführung)
          Sonntag, 20. März, 19.30 Uhr (19 Uhr Einführung)
          Donnerstag, 24. März, 19.30 Uhr
          Montag, 28. März, 19.30 Uhr

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