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„Maß für Maß“ in London : Wie viel Freiheit erträgt eine Gesellschaft?

Genaues Spiel mit geringer Ausstattung, völlige Hingabe an den Text: Graeme Brookes als „zügelloser Gefangener“ Bernardino. Bild: Helen Maybanks

Ein harter Bruch mit den heute üblichen Theaterkonventionen: Die Royal Shakespeare Company zeigt „Maß für Maß“ im Barbican Centre: klassisch, kunstfertig – und überhaupt nicht altbacken.

          4 Min.

          Sie spielt, als hätte Zeit ihr nichts zu sagen, als wären Moden nur dazu da, übersehen zu werden: Die Royal Shakespeare Company tritt seit ihrer Gründung 1960 auf und ab wie eine stolze Königin, die weiß, dass ihre Macht nicht im Entscheiden liegt, sondern im steten Überdauern. Tatsächlich ist „Her Majesty The Queen“ ja auch wirklich die oberste Patronin der legendären Schauspieltruppe aus Stratford-upon-Avon. Ihr und ihrer ausdauernden Aura hat sie sich verpflichtet. An diesem regnerischen Londoner Abend wird „Maß für Maß“ gespielt, Shakespeares 1604 uraufgeführte „dunkle Komödie“ über Sinn und Irrsinn totalitärer Rechtsauffassungen. Regie führt Gregory Doran, der künstlerische Direktor der Truppe. Er hat die Handlung vorverlegt ins Wien von 1900, der Zeit von Sigmund Freud, Gustav Klimt und Karl Kraus.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber statt dieser Transformationsidee alles unterzuordnen, wird hier sehr zurückhaltend, im Grunde nur durch die Kostüme und das Programmheft, auf den veränderten Rahmen verwiesen. Keine Kommentierung, kein Fremdtext – man überspielt ja auch ein spätes Streichquartett von Beethoven nicht zwischendurch einfach mit Schönberg. In der Tat hat man an diesem gut dreistündigen Theaterabend mitunter eher das Gefühl, bei einem klassischen Konzert oder Ballett zuzuschauen, weil hier alles handwerklich so hervorragend gespielt und kunstfertig aufeinander abgestimmt ist.

          Gespräche im Zentrum

          Man ist das von deutschen Bühnen ja nicht gewohnt, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler all ihre Energie und Sorgfalt darauf legen, die gesprochenen Sätze mit ihren Körperbewegungen, Gesichtsausdrücken und Gesten in einen dynamischen Vielklang zu bringen. Ihre Rollen so zu spielen, dass alles zwingend natürlich wirkt, jede noch so kurze Pause überlegt, jeder Blick genau kalkuliert scheint.

          Es ist ein sehr filmisches Schauspiel, das man hier sieht, dessen Spannung durch schnelle, messerscharfe Dialoge erzeugt wird. Durch eine ausdrucksvolle Mimik beim Abgang oder ein leidenschaftliches Sich-Abwenden zu Szenenbeginn. Die Gespräche zwischen den Figuren stehen an diesem Abend im Zentrum, ihre Wendungen erzählen die Geschichte. Ästhetisch lässt man sich dabei auf keine Experimente ein, vertraut auf ein paar Ausstattungsideen und Bildprojektionen im Hintergrund. Aber inhaltlich ist die völlige Hingabe an den Text im alten Shakespeare-Englisch natürlich ein harter Bruch mit den heute üblichen Theaterkonventionen.

          Während man so einen Abend in Deutschland schnell als „altbackenes Klassikertheater“ denunzieren würde, läuft das in London „außer Konkurrenz“ und wird selbstverständlich als Teil der vielfältigen Theaterszene akzeptiert. Das Haus ist voll, die Zuschauer sitzen mit Popcorn auf dem Schoß in ihren bequemen Sesseln und staunen über das souveräne Könnensbewusstsein der Spielerinnen und Spieler.

          Maximaler Machtmissbrauch

          Vor allem Sandy Grierson in der Rolle des Angelo, des gefallenen Engels, „dem statt des Bluts Schneewasser in den Adern fließt“, und der in einem blinden Eifer vorehelichen Sex unter Todesstrafe stellt, ist phantastisch. Sein verzogener, von aller Kleidung unvorteilhaft eingeklemmter Körper zeugt von der Doppelmoral, der er gehorcht, und die ihn zum maximalen Machtmissbrauch treibt: Für die Begnadigung ihres unter den neuen Sittengesetzen straffällig gewordenen Bruders verlangt er von Isabella, die gerade ihr Keuschheitsgelübde abgelegt hat, sexuelle Gefügigkeit.

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