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Shakespeare in Bochum : Risse im Herzen, aber kein Sturm

  • -Aktualisiert am

Kein zerstörtes Meisterwerk der Schöpfung: Pierre Bokma als König Lear in Bochum Bild: JU Bochum

Wenn alle Ordnung zusammenbricht, halten wir besser still: Johan Simons inszeniert „König Lear“ in Bochum als seuchenstarres Mienenspiel mit wunderbaren Schauspielern.

          4 Min.

          Wie stellt man Mangel dar? Als Fehlen von etwas. Wo kein direktes Spiel möglich ist, bleibt nur die Distanz. Aus Sicherheitsgründen wird alle Spannung aufgelöst. Jeder Ausbruch wirkt kontrolliert, jede Bewegung bleibt verhalten. Das Bochumer Ensemble spielt in seiner Eröffnungspremiere von Shakespeares „König Lear“ tastend, fast provisorisch. Zu Beginn sitzen die royalen Gefolgsleute in einem Wartesaal mit Kaffeemaschine und Desinfektionsmittelspender. In die Vorderwand hat Bühnenbildner Johannes Schütz fünf hohe Öffnungen geschnitten, durch die sie auf die Bühne treten können. Rechts am Portal dreht sich langsam ein alter Flugzeugpropeller, unauffällig und anlasslos, auch er übt provisorisch für den Tag, an dem ihm das Fliegen wieder erlaubt ist. Bis auf weiteres, bis wieder richtig gespielt und richtig zugeschaut werden darf, bleibt das Theater ein Ort verhaltener Spiele.

          Nur einer will das nicht wahrhaben und bricht an diesem Abend ungestüm aus allen Vorgaben aus: Lears Narr, der hier auch schon in seiner dritten, wegen ihres Eigensinns verstoßenen Tochter Cordelia steckt. Anna Drexler steht vom ersten Moment an unter Volldampf, in ihr hat sich eine gewaltige Wut gegen die betrügerischen Verhältnisse angestaut. Sie schreit, sie trampelt, sie dampft. Als Tochter ist sie schon Narr, und als Narr bleibt sie noch Tochter – wo sie den Vater eigentlich anflehen soll, da brüllt sie, wenn Lear irr wird, streicht sie sich aufgeregt das kurze Haar nach hinten und sucht am Bund ihres Schottenrocks Halt. Ihr quirliges Spiel ist aufregend, überraschend, variantenreich – ein grandioses Ereignis.

          Fatalistische Gelassenheit

          Auch, weil Regisseur Johan Simons alle anderen auf der Bühne in eine Art statuarische Verhältnismäßigkeit zwingt. Keiner sonst darf springen, rasen oder Stühle werfen. Eine seltsame Starrheit liegt über dem ganzen Arrangement. Dass hier gerade alle Ordnung zusammenbricht, wie Gloster es schildert – „Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich; in Städten Meuterei, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen“ –, kann man sich nur schwer vorstellen. Eher herrscht eine fatalistische Gelassenheit, als wäre die verheerende Untreue der Töchter und falschen Söhne, von der das Stück erzählt, nichts als ein weiteres Ereignis in einer sowieso schon in sich zusammengefallenen, zerstörten Zeit. Auf vollkommene Weise verströmt den Geist dieses Katastrophen-Ennui Oswald, der „milchlebrige, Ohrfeigen einsteckende Schurke“ und Haushofmeister, den Stefan Hunstein mit einer geradezu provozierenden Unberührtheit spielt, achselzuckend, süffisant lächelnd nimmt er den Geschehnissen jede Wirkung. Alles schon einmal dagewesen, Recht oder Unrecht nur eine Frage der Macht. Er wechselt opportunistisch die Seiten und gähnt dabei.

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